In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte, folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!« lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.
Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der »Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; – er zog seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte, auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf.
An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht, sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten. Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze« Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen. Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden. Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten: »So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut', so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.
»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!« sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten fünfzehn Handwerke.
»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre.
»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit. Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank! noch rüstig, und übrigens – kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?«
»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich – Er wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«
Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin.
»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen – wir werden jetzt das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«