»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe – halten Sie mir's zu Gute, lieben Leute! – aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt geradezu sündlich, das Vogelfangen.«

Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was sagt er? Sündlich?«

»Ja – nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest, »so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen, daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner ihm gleich kam als ich – es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen uns gegeben, aber in aller Freundschaft – und wie ich in die Fremde ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei, auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah sie mich für einen geheimen Revolutionär an – ich wurde verhaftet und nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute, lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam in einem schauerlichen Loche sitzen – ach! ich dachte, der liebe Herr Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden ein – und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen Mienen – und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos tragen – so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben – denn das sag' ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt ist ein Frevel schwarz wie der Mord –«

»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort:

»Endlich ward ich frei – mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete, und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden – aber so mannigfach und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth war, sich an ihren Melodieen zu weiden?«

»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler abermals.

»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn Handwerke.

»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem Gemähre –«

»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!«

»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei – aus Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!«