»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! – Da, laß frisch einschenken!«

Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn Eine anzog – er stand unschlüssig da – auf einmal öffnete sich die gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. – »Da kommt sie,« flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte.

War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens« gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben – was einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte – dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete – das waren die äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen, einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie – der Schritt vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen – aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst – aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte. So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer. Vergessen war alles vorhin Vorgefallene – Athem wehete in Athem – Puls schlug an Puls – Blick flammte in Blick. – »Mein Hannchen« klang es herüber – »mein Heinrich« flüstert' es hinüber – und als der Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem Hannchen zu weichen.

Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und – was weiß ich! – Zum Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge, müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam »Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer Hut vor dem Kunz-Karl-Fried – wenn er kommt und will mit Ihr tanzen, Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen – seid gescheidt!« Damit verschwand er.

»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich will nur mit Dir tanzen, Heinrich!«

»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens einen Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen – ein zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann – ich muß Dir sagen, daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin – wenn ihm der Kunz hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.«

»So wollen wir fortgehen – ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum –«

»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich, »damit ich wenigstens einmal bestelle – man möchte mich sonst für einen Lump halten – dann gehen wir spazieren.«

Das Paar erhob sich – aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das Nachsehen.

Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen. »Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen – und wieder einen – da wurde er immer aufgeregter, bis der junge Kunz-Müller von Neuhahn – eben jener Karl-Fried – hereintrat und sich dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs; als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler, darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.