»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd gehen?«

»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das ich bald vergessen hätte – wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft ihr ja recht ein!«

In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger – denn sonst könne doch Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein – das Thier feil wäre – als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich schlafen – als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte er selbst seinen Magentrost im Laden.

Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm – nun schmiede zu! Heute oder nie wird die Komödie aus.«


5.

Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte – wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.

Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst; sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt, forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.

»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen thun – wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«