Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: »Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen – nur wegen des Kunz-Karl-Fried war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen – ach, Vater! dringe mir doch diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur willst.«
»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht leiden kannst – aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«
»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.
»Geh – hm – je nun – Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach des Sacher Heinrichs Vogelherd – siehst Du, dort in der Telle liegt er – Dort wirst Du viel Lockbeeren finden – davon sollst Du mir ein Körbchen voll holen.«
»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«
»Das weiß ich wohl – sie sind dem Sacher – aber ich muß die Beeren haben – wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«
Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche, erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und erwarte Dich.«
Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter Aufregung – an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber – aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe seines Herzens – es litt ihn nicht mehr auf dem Platze – er mußte sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin. Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen. Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung – es war so still hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan – es war, als vernähme er ein Flüstern und Murmeln – er bog einige Zweige zurück, um ein Guckloch zu erhalten – Himmel! welch ein Schauspiel öffnete sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben, während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt er in seiner Linken – aber was that er damit? Er zählte die Beeren daran – »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut – »also weiter, mein Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« – Und die Gefangene? Da hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd nimmt und sie in das Körbchen wirft – mithin hat sie alle Trauben, die darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt – also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?
»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? – Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? »Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines Herrn – wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das andere folgt: