– Ich lege die Stelle eines Vormunds nieder. Mit einem Mädchen, das einen Verbrecher liebt, mag ich nichts zu schaffen haben!

– O mein Gott, sprechen Sie doch in einem so fürchterlichem Augenblicke nicht von Liebe!

– Meinen Neffen, der ein braver Bursche ist, und Dich von Herzen liebt, hast Du verschmäht – ja, ja, fügte der Richter grinsend hinzu, das glaube ich wohl, der ehrliche Konrad verdient in jeder Beziehung den Vorzug. Mädchen, die Schmach, die Du mir und ihm angethan, wird nie aus meinem Gedächtnisse verschwinden!

Als ob ihr plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, erhob sich Marie und sah unter Thränen lächelnd den Ortsrichter einen Augenblick an, der mit höhnenden Mienen das rothe Band an Konrad's Hute betrachtete. Das größte Opfer, das je die Liebe gebracht, wollte Marie bringen.

– Herr Valentin, sagte sie in einem schmerzlich freudigen Tone – Sie sagen, Ihr Neffe Eberhard liebt mich –

– So sagte er mir gestern – –

– Hören Sie mich an, bis jetzt sind Sie der Einzige, der außer mir und Röschen das fürchterliche Geheimniß dieser Nacht kennt – beobachten Sie ein ewiges Stillschweigen darüber und stellen jede Verfolgung gegen den unglücklichen Konrad ein, so daß er mit seinem schuldbeladenen Gewissen aus dem Lande fliehen kann und sein Andenken der Schande nicht anheim fällt – so werde ich öffentlich bekennen, daß ich Ihren Neffen liebe und werde ihm meine Hand reichen. – Nehmen Sie mein Leben – ist Konrad gerettet, will ich gern sterben!

Valentin's Gerechtigkeitsliebe erhielt durch diesen Vorschlag der verzweifelnden Marie einen gewaltigen Stoß; nicht aus Mitleid mit dem blassen, schönen Mädchen, nicht um die Neigung seines Neffen zu befriedigen, sondern weil sein Geiz auf ein einträgliches Geschäft hoffte, ergriff er ihre Hand und führte sie zu der Bank.

– Marie, sagte er in einem ruhigen Tone, es freut mich Ihretwegen, daß Sie endlich zur Erkenntniß gelangen und sich von diesem schlechten Menschen lossagen, der schon als Knabe kein gutes Gemüth verrieth. Damit Sie Ihre Ehre retten können und weil ich Ihr Vormund bin, will ich die Obrigkeit hintenansetzen und auf Ihren Vorschlag eingehen.

– Sie wollen es? rief Marie.