6.
Um dieselbe Zeit, als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet ward, erreichte Konrad, der um das Leben seines Gutsherrn in der größten Sorge war, den prächtigen Edelhof des Barons von H. Von diesem, als dem Gegner des Grafen, hoffte er Gewißheit über das Schicksal desselben zu erhalten, da man ihm auf dem Schlosse berichtet hatte, der junge Herr sei seit gestern Abend nicht sichtbar gewesen.
Durch einen Diener ließ er sich dem Baron melden.
– Sie können eintreten, war die Antwort.
Mit klopfendem Herzen öffnete Konrad die hohe Flügelthür eines Pavillons, der von hohen Kastanien beschattet ward, und trat in einen geräumigen, kühlen Saal. Doch kaum hatte er einen Blick in denselben geworfen, als er einen lauten Freudenschrei ausstieß: der junge Graf Rudolph saß mit dem alten Baron in einem Sopha, seine Ankunft schien ein vertrauliches Gespräch der beiden Männer unterbrochen zu haben.
– Konrad! Konrad! rief der Graf und stellte den Angekommenen dem Baron als seinen Lebensretter vor.
– Herr Baron, sagte Konrad, ich habe nicht mehr nöthig, Sie mit einer Unterredung zu belästigen – sie betraf den Herrn Grafen, meinen Major, über dessen Schicksal ich in Ungewißheit schwebte.
– Bleibt, Kinder, und besprecht, was nöthig ist – mich rufen Geschäfte zu meinem Haushofmeister, der schon den ganzen Tag vergebens nach mir verlangt hat – bleibt und erleichtert Eure Herzen.
Mit diesen Worten verließ der Greis den Saal, nachdem er dem jungen Grafen freundlich die Hand gereicht.
– Ach, Herr Graf, rief Konrad, ich vermag meine Freude nicht in Worten auszudrücken – darf ich denn meinen Augen trauen? Sie – an der Seite Ihres Gegners? Und keiner von Ihnen verwundet –!