– Konrad, rief der Kutscher, der ein Jugendfreund des jungen Mannes war und den Feldzug als Reitknecht des Grafen mitgemacht hatte – es ist gut, daß ich Dich hier treffe.
– Warum?
– Deine Schwester war auf unserm Schlosse, gerade als ich abfahren wollte. Sie suchte Dich, weil Du gesagt hättest, Du wolltest zu dem Herrn Grafen. Ich sagte ihr, daß ich im Begriff stehe, ihn abzuholen, er sei auf dem Edelgute des Barons – da antwortete sie: so wird mein Bruder auch dort sein – dann gab sie mir diesen Brief für Dich und meinte, er würde Dich zur Rückkehr antreiben, wenn Du noch keine Lust dazu haben solltest – hier ist er!
Konrad erkannte auf den ersten Blick Marien's Handschrift. Eine dunkele Ahnung durchbebte seine Brust, daß er nur mit zitternder Hand den Brief erbrechen konnte. Noch einmal schöpfte er Athem, dann las er: »Es gab nur ein Mittel, Dich zu retten, und Gott hat mir Kraft verliehen, es anzuwenden; es ist das größte, das letzte Opfer meiner Liebe zu Dir! Dafür verlange auch ich ein Opfer – fliehe, wenn Du meine Zeilen gelesen, diese Gegend und kehre nie – nie zurück!«
Der arme junge Mann wollte seinen Sinnen nicht trauen, der Inhalt des Briefes war ihm eben so räthselhaft als fürchterlich. Mit geisterbleichem Gesicht las er ihn noch einmal, aber es blieb derselbe Inhalt, dieselben Züge von Mariens Hand geschrieben. Als ob ihn ein Blitz gelähmt, stand er da und starrte auf das verhängnißvolle Papier.
In dieser Verfassung traf ihn der Graf, der fröhlich die Schloßtreppe herabkam und dem Wagen zueilte. – Nun Konrad, rief er, nachdem er eingestiegen – setze Dich mir zur Seite!
Der Angeredete vermochte nicht zu antworten. Mechanisch folgte er der Einladung.
– Was hast Du da für ein Papier in der Hand? fragte der Graf, verwundert über den Zustand des jungen Mannes, indem der Wagen durch das Gitterthor des Schlosses in das Freie rollte.
Konrad überreichte den Brief ohne ein Wort zu sprechen.
– Seltsam! sagte der Graf, nachdem er gelesen, und sah theilnehmend seinem Lebensretter in das trübe, starre Auge. – Bist Du auch fest überzeugt, daß Mariens Hand diese Zeilen geschrieben?