Der Abend fand Eberhard und Graff in dem Wirthshause wieder beisammen, wo sie auf das völlige Gelingen ihres Planes eine Flasche um die andere leerten und die Civilehe hoch leben ließen.

7.

Während Marie einsam in ihrem Stübchen weinte und sich von aller Welt absonderte, bewohnte Konrad ein Zimmer auf dem Schlosse seines Gutsherrn. Röschen, der die Besorgung der kleinen Wirthschaft ihres Bruders allein oblag, besuchte ihn jeden Tag und berichtete, was man im Dorfe über den Vorfall sprach.

– O mein Gott, rief er aus, hätte mich Marie auf die schändlichste Art von der Welt betrogen, ich würde mich zu trösten wissen und sie mit Verachtung bestrafen, wie sie es in diesem Falle verdiente – so aber ist sie selbst ein Opfer ihrer Liebe zu mir geworden und ich habe ein treues Mädchen verloren!

Der Graf, dem das Geschick des armen Konrad tief zu Herzen ging, hatte vergebens sich bemüht, ihn zu einem Antrage auf gerichtliche Untersuchung und Aufhebung des erzwungenen Ehecontracts zu bewegen; er hatte sich aber stets entschieden dagegen ausgesprochen, da er Marien nicht in eine Untersuchung verwickeln wollte. Im Grunde des Herzens hoffte er indeß, Marie selbst würde Schritte thun, ihre Freiheit wieder zu erlangen, und in dieser Voraussetzung, die mit jedem Tage mehr zur Gewißheit wurde, lebte er wie ein Einsiedler unthätig im Schlosse; als er aber von Röschen hörte, daß am Sonntage die kirchliche Trauung stattfinden sollte, schwand sein letzter Hoffnungsstrahl, er kündigte dem Grafen an, daß er nach Amerika auswandern würde. Obgleich der Umstand, daß Konrads Hut in den Ruinen gefunden sei, den Grafen ein vorbereitetes Bubenstück ahnen ließ, so stand er dennoch von einer gerichtlichen Untersuchung ab und fügte sich Konrads dringendem Wunsche, zumal da jede Vermuthung des Thäters ihm fehlte. Heimlich aber hatte er dennoch bei dem Landrathe Anzeige von dem Angriffe auf seine Person gemacht und auf genaue Vigilirung in der Gegend angetragen.

Denselben Sonntag, den Valentin zur Trauung seines Neffen mit Marien erwartete, hatte auch der Baron zur Verbindung seiner Mündel Emma mit dem jungen Grafen festgesetzt und es wurden die Vorbereitungen dazu auf das Eifrigste betrieben. Dies gab dem gräflichen Bräutigam Veranlassung, öfter den Edelhof des Barons zu besuchen und seinen Freund Konrad sich selbst zu überlassen, der am folgenden Tage die Gegend und das Land meiden wollte. Er fürchtete des Grafen Zureden, deshalb faßte er den festen Entschluß, heimlich seine Reise anzutreten.

Der Donnerstag hatte sein Ziel erreicht und die Nacht lag auf der Erde, als Konrad das Schloß verließ und langsam dem Dorfe zuging. Er wollte von seiner Schwester Abschied nehmen. Unbekümmert um den Weg, den er eingeschlagen, stand er plötzlich still und faßte seine Umgebung in's Auge – er befand sich an Mariens Gartenthür, neben welcher die Laube lag, wo er im Frühling Abschied von ihr genommen, als er in den Krieg zog. Unwillkührlich trat er an den Zaun und sah sinnend durch die Blätter, die ein leichter Abendwind von Zeit zu Zeit leise rauschen ließ.

Plötzlich glaubte er Schritte zu vernehmen – er verdoppelte seine Aufmerksamkeit – er hatte sich nicht getäuscht – die Schritte kamen näher und knisterten zuletzt leise im Sande der Laube.

– O mein Gott, dachte Konrad, wenn es Marie wäre!

Er hatte Mühe, bei diesem Gedanken den Ausbruch seiner Bewegung zu verhindern. Mit angehaltenem Athem blieb er stehen und sah starr nach der dunkeln Laube, von der ihn nur die Blätter des Zaunes trennten. Noch war er unschlüssig, ob er bleiben oder gehen sollte, als ein lautes Weinen an sein Ohr schlug. Ein Laut genügte, um ihn Mariens Stimme erkennen zu lassen. Auch dem jungen Manne traten die Thränen in die Augen und die kaum erlangte Fassung verscheuchte der heftigste Schmerz um das geliebte Mädchen.