Novelle
von
August Schrader.
1.
Zwischen den hohen mit ehrwürdigen Eichen geschmückten Bergrücken des Teutoburger Waldes hat der Schöpfer ein kleines Thal ausgebreitet, in welchem die Natur mit ihren Reizen förmlich zu kokettiren scheint. Wohin das Auge blickt, gewahrt man nur sanft ablaufende Wiesen, von einem rauschenden Bächlein durchschnitten, dessen Ufer mit Haselgesträuch und schlanken Rüstern so dicht bewachsen sind, daß das Moosbette desselben von einem herrlichen Laubdache überschattet wird. Kein Felsen, keine Mauer, kein alter Thurm unterbricht die Lieblichkeit und Anmuth dieser Landschaft – nirgends zeigt sich etwas wildes oder verfallenes, überall Reiz und üppiges Gedeihen, junges Leben und zauberische Fülle. Die Frömmigkeit eines Einsiedlers oder der Schmerz eines unglücklichen, verlassenen Liebenden würde hier kein Asyl finden, denn wie kann man im Angesichte einer lachenden Natur, die durch duftende Blumen und würzige Früchte zu den Freuden des Lebens einladet, beten oder weinen? Dieses Thal ist vom Himmel mit einem solchen Segen überschüttet, daß man vergebens nach einem unfruchtbaren Landstriche späht, selbst die Wege sind mit fettem Grase und duftenden Blumen bewachsen. Wohin soll man sich wenden, um einsam zu weinen, wenn alles grünt und lacht, wenn aus den Zweigen auf den Schwingen einer balsamischen Luft der Gesang munterer Vögel herniedersäuselt und zur Freude auffordert? Man würde das trübe Auge vergebens durch die Landschaft schweifen lassen, einem Bilde des Todes zu begegnen; überall sprießt das Leben, selbst auf dem Friedhofe, der von einer blühenden Weißdornhecke umgeben ist und mehr Apfelbäume als Grabsteine zählt. Doch nein! der Schmerz ist ein Kind aller Länder, er trifft seine Beute im stolzen Pallaste, wie in der Hütte auf blühender Flur.
Es war im Jahre 1839 gegen das Ende des Monats Mai, als ein junger Mann, mit Reisetasche und Wanderstab ausgerüstet, dieses herrliche Thal betrat. Die Fruchtbäume und Hagedornhecken standen in voller Blüthenpracht, die grünen Wege deckte ein frisch gefallener Blüthenschnee und verhüllte den blauen Veilchenflor, der lieblich duftete unter seiner süßen Bürde. Langsam schritt er dahin, das Bild der Jugend und Poesie wollüstig einsaugend, als plötzlich auch die Liebe auftrat, dem Ganzen die Weihe der Vollendung aufzudrücken. Aus einer Baumgruppe, die vor dem jungen Wanderer lag, klang ihm nämlich eine Mädchenstimme entgegen, welche an Anmuth und Frische mit der ihn umgebenden Natur wetteiferte; lieblich wie die Töne einer Nachtigall, und ohne sich der Wirkung bewußt zu sein, mischte sich der Gesang in das große Concert des Universum, und wahrlich, es war nicht der schlechteste Ton in der himmlischen Harmonie! Entzückt stand der Jüngling einige Minuten still und lauschte mit angehaltenem Athem.
Plötzlich trat aus einem Seitenwege ein schönes Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren hervor. In der linken Hand trug sie ein kleines Fischnetz und in der rechten ein hölzernes Gefäß, worin die gefangenen Forellen so laut plätscherten, daß mitunter das Wasser über den Rand spritzte. Bei dem Anblicke des jungen Reisenden schwieg die Jungfrau und eine hohe Röthe überzog ihr liebliches Gesicht. Dieser setzte sich auf einem am Wege stehenden Baumstamme nieder und ließ die holde Fischerin in kurzer Entfernung an sich vorübergehen. Hatte ihn die Stimme entzückt, so that es die Gestalt noch mehr. In der ganzen Erscheinung war der Frühling mit seinen Veilchen und Rosen ausgedrückt, die Frische des jungen Morgens strahlte auf ihren Wangen und Unschuld und kindliche Fröhlichkeit auf der weißen Stirn. Eine Schnur milchweißer Zähne, eingerahmt von ein paar Purpurlippen, wurden sichtbar, als sie kaum vernehmbar und fast ängstlich grüßte; lange blonde Haare, zu natürlichen Locken geformt, entquollen rebellisch dem kleinen Sammtmützchen, das bei dem Ziehen des Netzes verschoben, schalkhaft auf einer Seite hing. Ein niedliches schwarzes Mieder umschloß den schlanken, zarten Leib, der eher einer Juno, als einer Bewohnerin dieses Thales anzugehören schien. Weder ein Ohrgehänge noch ein Halsband war zu bemerken, nicht einmal eine Rose oder ein Strauß Veilchen schmückten den züchtig verhüllten Busen und dennoch erschien das Mädchen dem entzückten Beschauer so schön, daß er eine Fee zu sehen und sich in dem Lande der Wunder zu befinden wähnte.
Als die Erscheinung hinter der nächsten Baumgruppe verschwunden war, erklang der Gesang wieder, der jetzt durch nichts mehr gehemmt, laut durch das üppige Thal ertönte. Wie von einer Zaubermacht geleitet, erhob sich der junge Mann und schlug willenlos den Weg ein, den ihm der Gesang des lieblichen Mädchens bezeichnete. Aus den Baumstämmen hervortretend, sah er die ländliche Hebe vor einer kleinen Wassermühle stillstehen, die wie das Nest eines Vogels unter den starken Zweigen einer gigantischen Eiche in kurzer Entfernung vor ihm lag. Mit der Behendigkeit der Jugend hing die Fischerin das Netz an einem Holzhaken neben der niedrigen von Mehlstaub weiß gefärbten Hausthür zum Trocknen auf und die gefangenen Fische nahm sie aus dem kleinen Behälter, um ihnen einen größeren, ebenfalls mit Wasser gefüllten anzuweisen, der im Hofe stand. Dann ergriff sie einen Rechen, trat zu dem plätschernden Mühlrade, und zog das Kraut an das Ufer, das sich während ihrer Abwesenheit vor einem im Wasser angebrachten Holzgitter aufgehäuft hatte.
Als sie diese Arbeit vollendet, war auch der junge Mann vor der Mühle angelangt. Er wollte reden, aber ein unerklärliches Etwas band ihm die Zunge, daß er keines Wortes mächtig war. Die hübsche Müllerin – denn die Mühle war das Eigenthum ihrer Mutter – schien von dem Benehmen des Fremden überrascht zu sein, verwundert sah sie ihn einen Augenblick an, dann entfernte sie sich mit einer Miene, als ob sie sagen wollte: ist der Mensch nicht bei Sinnen? An der Thür eines kleinen Gartens, der mit Sallat und einigen Frühlingsblumen bepflanzt war, blieb sie stehen und ordnete die auf dem Zaune zum Trocknen ausgebreitete Wäsche. Diesmal faßte sich der Fremde ein Herz und trat ihr mit den Worten näher:
– Wenn ich nicht irre, bin ich von dem Wege nach D. abgekommen?
– Ja, sprach das Mädchen mit einer lieblichen Stimme, denn der Fußweg endet hier bei der Mühle meiner Mutter.