Eine neue Pause trat ein. Die Müllerin fuhr erröthend in ihrer Beschäftigung fort.
– So muß ich wohl denselben Weg wieder zurückgehen, den ich gekommen bin? fragte endlich der junge Mann weiter.
– Wenn Sie wieder auf die Straße nach D. wollen, giebt es kein anderes Mittel, antwortete lächelnd das Mädchen.
– Sie tragen die Schuld, mein liebes Kind, daß ich jetzt einen Umweg zu machen habe. Ihr schöner Gesang verlockte mich und ich folgte.
Eine brennende Röthe überzog Gesicht und Hals der Müllerin; um diese zu verbergen, hob sie ein weißes Tuch, das sie eben in der Hand hielt, hoch vor sich empor, als ob sie den Zustand desselben prüfen wollte. Auch der junge Mann erröthete als er sie so sah, denn er glaubte sie verletzt zu haben.
– Ich bin jedoch nicht böse darüber, fuhr er in der Angst seines Herzens fort. Wollen Sie mir indeß eine kleine Entschädigung dafür gewähren, so verehren sie mir einen Strauß von den Veilchen, die zu Ihren Füßen blühen.
Rasch hing sie das Tuch auf den Zaun zurück und kniete in das Gras nieder, um die verlangten Veilchen zu pflücken. Wie es aber schien, that sie es mehr, durch diese Beschäftigung ihre Verlegenheit zu verbergen, als dem Wunsche des Fremden zu entsprechen. Dieser war seiner Sinne kaum noch mächtig, und hätte ihn der niedere Gartenzaun nicht von der lieblichen Jungfrau getrennt, er wäre neben ihr niedergekniet, um einen Strauß von diesen sinnigen Blümchen für die reizende Fee des Thales zu pflücken. Die Schmeicheleien, die ein junger Mann von Bildung einem jungen liebenswürdigen Mädchen unter solchen Umständen zu machen pflegt, erstarben ihm im Munde, stumm folgte er mit den Blicken den Fingern des Mädchens, welche die Veilchen dicht bei der Wurzel aus dem grünen Rasenteppich holten und zu einem Strauße bildeten.
– Marie! Marie! rief plötzlich eine Stimme aus dem Innern der Mühle.
– Meine Mutter ruft! sprach das Mädchen, indem es sich rasch emporrichtete und mit zitternder Hand dem Fremden die Veilchen überreichte. Ohne ein Wort weiter zu sagen, flog sie wie ein Vogel durch den Hof und verschwand in der kleinen Thür. Mit einem Blicke, in dem deutlich zu lesen stand, was in seinem Herzen vorging, sah der Reisende dem Flüchtling nach und lauschte einige Minuten auf das eintönige Geklapper der Wassermühle, das mit dem Klopfen seines Herzens Takt hielt.
Als er über den Hof schritt, um den Fußweg wieder zu gewinnen, sah er das Gesicht eines jungen, rothbackigen Bauernburschen unter einer weißen Mütze aus dem Fenster des Häuschens blicken. Wäre er nicht zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, so hätte er in diesem Gesichte Unwillen, vielleicht auch Eifersucht lesen können; so aber drückte er den Veilchenstrauß an seine Lippen und setzte, das Bild des jungen Mädchens in seinem Herzen tragend, seufzend seinen Weg fort. Das lachende Thal schien ihm jetzt ein anderes zu sein, die Blumen und Blüthen waren farblos: Mariens Rosen auf den Wangen überstrahlten den Glanz der ganzen Schöpfung.