2.

Ein heißer Julitag lag brennend auf der Erde, wie ein dunkelblaues Tuch, von keinem Wölkchen getrübt, spannte sich der Horizont über das Thal, dessen frisches Rasengrün verschwunden und in eine falbe Farbe umgewandelt war. Kein Lüftchen milderte die drückende Hitze, die Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, aber keine Veränderung der Atmosphäre gab Hoffnung auf Labung. Wir erblicken unsern Wanderer auf demselben Baumstamme wieder, auf dem er einst saß, als der Frühling mit seinem Hauche das Thal durchwehete, als Blumen und Blüthen einen erquickenden Duft verbreiteten, und ein holdes Mädchen den Fußsteig einschlug, der sich hier von dem Hauptwege scheidet. Die Sonne hatte sein Gesicht gebräunt, große Schweißtropfen perlten auf seiner hohen, jugendlichen Stirn und ein längst verdorrter Veilchenstrauß, mit einem weißen Bändchen befestigt, schmückte die weiße geöffnete Weste, die aus einem grauen, leinenen Staubhemde hervorsah.

Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht, als er noch einmal sorgfältig mit einem Tuche sein Gesicht von Schweiß und Staub säuberte, dann erhob er sich rasch, als ob plötzlich ein Entschluß in ihm zur Reife gediehen sei, warf die Reisetasche über seine Schultern, und schlug den Fußweg zur Mühle ein.

Wie hatte sich alles rings um ihn verändert! Der kleine Teich, in welchem das Wasser des Baches gesammelt wurde, war fast ausgetrocknet, das Mühlrad stand still und das Geklapper der Mühle schwieg; nur das Klopfen seines Herzens, das mit jedem Schritte heftiger wurde, fühlte und hörte er.

Als er aus der kleinen Baumgruppe trat, sah er die Bewohner der Mühle auf einer Wiese, welche an den Teich grenzte, mit Heumachen beschäftigt. Auch Marie, einen großen Strohhut auf dem erhitzten Köpfchen, war unter ihnen. Unser Freund, fast erschreckt über diesen Anblick, trat in die Dämmerung des Gebüsches zurück und verbarg sich hinter einem Strauche, der unfern der arbeitenden Leute am Ufer des Teiches stand. Ungesehen konnte er nun die Gruppe beobachten und jedes ihrer Worte vernehmen. Neben Marien bemerkte er, nicht ohne ein bitteres Gefühl, jenen jungen Bauern wieder, dessen Gesicht er schon einmal gesehen hatte. Der Bauer arbeitete rüstig mit seinem Rechen fort und eine fast ausgelassene Fröhlichkeit sprach sich in seinen Zügen und seinen Geberden aus. Marie hingegen war nachdenkend, ruhig, fast träge führte sie ihre Arbeit aus und schien nur theilnahmlos, wohl gar mit Widerwillen auf die Scherze zu hören, die der fröhliche Bauer mit ihr trieb, so oft er mit seinem Rechen in ihre Nähe kam.

– Flink, flink! rief die alte Müllerin; der Abend bricht schon an. Marie aber, ihren Hut tiefer in das Gesicht rückend, arbeitete nicht langsamer und nicht schneller, wie träumend bewegte sie den Rechen in dem knisternden Grase. In dem Gebüsche am Ufer des Teiches saß der junge Mann auf seiner Reisetasche und vergaß bei diesem Anblicke die Beschwerlichkeiten einer Fußreise im heißen Sommer; unverwandt waren seine Blicke auf Marien gerichtet, und nur wenn der junge Bauer sich einen Scherz mit ihr erlaubte, blickte er, vor sich selbst erröthend, einen Augenblick zur Seite.

Endlich hatten die Arbeiter die letzten Streifen zu Haufen geformt und der Glanz der Abendsonne, die wie eine große dunkelrothe Kugel durch die Waldung des am Horizonte hinlaufenden Bergrückens leuchtete, beschien nur noch matt die hochrothen Gesichter derselben.

– Tante, begann jetzt der junge Bauer, indem er nach der einen Seite der Wiese sah – als Lohn für unsere Arbeit wollen wir das Vesperbrod auf der Insel genießen. Nicht wahr, Marie?

– Ja, ja! antwortete Marie leise und verlegen.

– Das ist wohl recht schön, sprach mürrisch die alte Müllerin; wir haben diesen Abend aber noch viel zu schaffen. Die Kühe kommen heim, wir müssen noch melken und buttern. Nach der Insel geht man nur an Sonntagen.