– Höre, Vetter, wir sind jetzt allein, begann ernst das Mädchen, darum wollen wir einmal ernstlich darüber reden.
– Rede, liebe Marie, ich bin ganz Ohr.
Der Lauscher am jenseitigen Ufer wagte nicht zu athmen; mit vorgebogenem Haupte saß er da und lauschte der Worte, die deutlich durch den stillen Abend an sein Ohr schlugen.
– Du weißt, daß Du diesen Herbst Soldat werden mußt, sprach Marie in einem bedächtigen Tone; dringe also nicht darauf, daß unsere Hochzeit angesetzt werde. Wir wollen sie verschieben, bis Deine Dienstzeit vorüber ist.
– Wer sagt Dir denn, antwortete lachend der Vetter, daß man mich nimmt? Ich habe hundert Thaler zu meiner Loskaufung bestimmt, und mit einer solchen Summe kann sie mir nicht fehl schlagen. Außerdem nimmt man einen verheiratheten Mann auch nicht gleich zum Soldaten. Bin ich verheirathet, habe ich einen Grund mehr, auf meine Freilassung zu dringen.
– Aber bedenke, fuhr Marie in einem betrübten Tone fort, wenn man Dich dennoch nimmt!
– Man wird mich nicht nehmen, mein liebes Bräutchen, sondern ich nehme Dich. Deine Mutter will es, und wir müssen gehorchen. Laß Dir kein graues Haar wachsen, Dein Mann wird kein Soldat!
Marie stand auf und bestieg schweigend den Kahn wieder. Der Vetter folgte und ruderte singend dem Ufer zu. Als beide über die Wiese der Mühle zuschritten, an deren Thür die Mutter ihrer wartete, trat der Fremde, seine Reisetasche über den Schultern, aus dem Wäldchen hervor und schritt hastig den Fußsteig entlang. Indem er an dem Baumstamme vorüberging, rollte eine Thräne über seine gebräunte Wange. Noch ehe die Nacht zur Erde niedersank, hatte er das nächste Städtchen erreicht; eine Extrapost nahm ihn auf, um ihn nach B. zu führen, wo der Vater seiner Rückkehr harrte.
3.
Julius F. war einer der wenigen jungen Männer, welche bei ziemlich bedeutendem Vermögen und in unabhängigen Verhältnissen aus reiner Liebe zu den Wissenschaften selbst auf der Universität H. zwei Jahre lang ernsten Studien obgelegen hatte. Sein fester Charakter, gepaart mit einem echt poetischen Gemüthe, trug das Wesentliche dazu bei, daß er nach vollbrachter Studienzeit mit einem nicht gewöhnlichen Schatze von Kenntnissen in seine Vaterstadt zurückkehrte, wo er einige Wintermonate hindurch dem Dienste der Musen lebte. Als der Mai mit seinen schönen Tagen in das Land kam, litt es ihn nicht länger in seinem Studirzimmer, er folgte dem Drange seines Herzens, und unternahm eine größere Fußreise durch die schönsten Gauen seines deutschen Vaterlandes. Auf dieser Reise war es, als wir den für die Schönheiten der Natur begeisterten jungen Mann in dem Eingangs beschriebenen Thale antreffen, als er die schöne Müllerin singen hörte, sie bewunderte, ihr folgte und entzückt von ihrem Anblicke um einen Strauß Veilchen bat, den sie ihm, wie wir bereits wissen, auch willig mittheilte. Mit dem Bilde des jungen Mädchens im Herzen, das seine Phantasie, jemehr sie sich mit ihm beschäftigte, nach und nach zur Göttin gestaltete, die von dem Heiligenscheine der entzückenden Natur des Thales umgeben, ihn im Wachen und im Traume beschäftigte, durchwanderte er Westphalen und kam an die romantischen Ufer des Rheins. Erstaunt betrachtete er die großartige Landschaft von felsiger Höhe herab, die Brust hob sich begeistert bei dem Rauschen der mächtigen Wogen und der Geist schweifte in das Mittelalter zurück, in dem die jetzt nur bemoos'ten Ruinen noch prächtige Schlösser waren, weit und breit den Rheingau beherrschend. Doch überall belebte die schöne Müllerin die Landschaft, er sah sie als Lorelei auf dem grauen Felsen sitzen und ihr Syrenenlied singen; er sah sie als schmuckes Burgfräulein aus dem hohen Thore der Ruine treten, oder auf dem hohen Söller lustwandeln – wohin er blickte, stand die liebliche Dirne, und eine Sehnsucht wurde in ihm wach, die nur der kennt, der in den Fesseln der ersten Liebe schmachtete.