So wanderte er die Ufer des Rheinstromes hinauf bis zum Bodensee, er durchmaß die Thäler und bestieg die Berge der Schweiz, er sah auf dem Rigi das großartigste Naturschauspiel der Welt, den Aufgang und Untergang der Sonne: überall ward sein Geist zum Staunen, zur Bewunderung hingerissen, doch das Herz blieb theilnahmlos, es trauerte. Nur wenn Abends der Kuhreigen durch das Alpthal erklang, wenn das feierliche Geläut der Vesperglocken durch die stille Luft zitterte und der Senne am Arme einer schmucken Sennerin in seine Hütte heimkehrte, dann malte sich seine Phantasie ein Bild, an dem das Herz theilnahm, denn es konnte sich in Wehmuth und Sehnsucht ergießen.
Fast unwillkührlich kehrte er denselben Weg zurück, den er gekommen war, und ehe er es sich versah, saß er wieder auf dem Baumstamme, der an dem Fußsteige zur Mühle stand. Was dann geschah, wissen wir: er belauschte die Scene auf der kleinen Insel, erfuhr das Heirathsprojekt der alten Müllerin, und verließ mit noch schwererem Herzen das Thal seiner Träume, als er es betreten hatte.
Mit geschlossenen Augen in die Ecke seines Postwagens gelehnt, wiederholte er in Gedanken noch einmal alles, was er bei der Mühle gesehen und gehört. Es stand noch so deutlich vor seinem Gedächtnisse, daß er an der Wahrheit desselben zu zweifeln durchaus keinen Grund hatte. Der bausbackige Vetter trat jetzt wie ein zerstörender Dämon in alle seine Bilder und je fürchterlicher ihm dieser Mensch wurde, desto reizender erschien ihm Marie, desto größer ward seine Sehnsucht nach ihr. Der Gedanke, sie wird in kurzer Zeit das Weib eines andern, das Weib eines so materiellen Menschen, als dieses Vetters, fiel mit Centnerlast auf seine Brust, und wie alles, was schon halb oder ganz verloren ist, den Reiz, zu besitzen, stets verdoppelt, so gesellte sich zu der Sehnsucht auch noch Eifersucht, den qualvollen Zustand seines Herzens zu erhöhen.
– Nein, nein, rief er halblaut aus und warf sich in die andere Ecke des Wagens, Marie liebt ihn nicht! Wie kann ein Engel sich zu einem Dämon gesellen, wie kann ein Lamm mit einem Wolfe in einer Hütte wohnen? Und Marie ist schön wie ein Engel, unschuldig wie ein Lamm! Diese zarte Blume darf nicht von rohen Händen gepflückt werden, der Schöpfer hat sie erschaffen für den, der sie versteht, der ihre Schönheit begreift und den Schatz zu würdigen weiß!
Sinnend blickte er in die prachtvolle Sommernacht hinaus, die ruhig über der schlummernden Landschaft lag. Würzige Düfte, durch die Kühle des Nebels der üppigen Saatflur entlockt, schwängerten die stille Luft, einige zackige und durchsichtige Wolken bedeckten das melancholische Licht des Mondes, der wie ein stiller Wächter am Firmamente schwebte und die fernen Gebirgsketten in phantastischen Gestalten erscheinen ließ. Es war eine Nacht, wie sie sein muß, um die süße Qual der Liebe auf den höchsten Gipfel zu steigern. Eine feierliche Ruhe lag über der ganzen Natur ausgegossen, die nur von dem eintönigen Rollen der Räder und von Zeit zu Zeit durch die rauhe Stimme des Postillons unterbrochen wurde.
– Aber würdest Du auch glücklich mit ihr werden, fragte er sich plötzlich, würde Marie, das einfache Müllermädchen, das Wesen sein, das Dich beglücken kann? O gewiß, fuhr er nach einer Pause fort, sie wird mich beglücken, denn sie ist unschuldig und schön, schön wie die Engel des Paradieses!
Aus dem ganzen Benehmen Marien's gegen den Bräutigam, den die Mutter für sie bestimmt, glaubte Julius annehmen zu können, daß sie gegen ihre Neigung in die Verbindung einwilligen würde. Suchte sie nicht den Vetter zu bewegen, noch so lange zu warten, bis seine Befreiung von dem Soldatenstande entschieden sei? Ein Mädchen, das wahrhaft liebt, sucht die Heirath mit dem Manne ihres Herzens nicht zu verschieben, es sucht sie zu beschleunigen. Und vor allen Dingen, warum war sie so traurig und nachdenkend? Warum verweigerte sie dem Bräutigam einen Kuß? Sollte sie eine andere Neigung, die sie geheim zu halten Gründe hatte, veranlaßt haben? – Julius fühlte eine brennende Hitze sich über sein ganzes Gesicht verbreiten, als der Gedanke, aber nur ganz leise, in ihm auftauchte: wenn Du die Veranlassung dazu wärst? Wenn auch bei Marien die wenig Minuten der Unterhaltung, wie bei Dir, hingereicht hätten, eine ernste Leidenschaft zu entzünden? Bildet sich nicht in einem Augenblicke der Funke, der ein großes Feuer anfacht?
Diese Reflexion erzeugte in dem jungen Manne den festen Vorsatz, noch vor Ablauf der acht Wochen, welche nach des Vetters Aussage bis zur Hochzeit verstreichen könnten, in das Thal zurückzukehren und Marien's Herz zu ergründen, denn er hielt es für Pflicht, das arme Mädchen dem Verderben zu entreißen, das ihm ein vielleicht eigennütziger Plan der Mutter bereitete.
Beruhigt setzte er seine Reise fort und langte am dritten Tage in seiner Heimath an. Doch ein neuer Schlag des Schicksals erwartete ihn an der Schwelle des väterlichen Hauses. Der Vater lag an einem schleichenden Fieber schwer krank darnieder und die Aerzte fürchteten, daß er seiner vor einigen Jahren vorangegangenen Gattin folgen würde. Trostlos warf sich Julius an dem Krankenbette des geliebten Vaters nieder und vergaß über den heftigen Schmerz die Neigung seines Herzens. Tag und Nacht widmete er dem theuern Kranken die zärtlichste Sorgfalt und Pflege, die Aerzte erschöpften ihre Kunst; doch umsonst: als die ersten Herbstnebel die Fluren deckten, stand Julius weinend an der Bahre seines Vaters.
Julius hatte sein fünfundzwanzigstes Jahr zurückgelegt, er war volljährig und konnte als einziger Sohn über das nicht unbedeutende Vermögen des Verstorbenen verfügen. Als die Wunden des Schmerzes einigermaßen verharrscht waren, ordnete er die Angelegenheiten seines Hauses; da er dies um so lieber that, als die Beschäftigung ihm Zerstreuung gewährte, hatte er in kurzer Zeit alles beendet, was ihm zu thun oblag, und sein Studirzimmer empfing ihn wieder. Doch bald tauchte auch die Erinnerung an Marien wieder auf und die sonst allmächtigen Musen vermochten sie nicht zu verbannen, selbst des Vaters Angedenken trat zurück vor dem lichtumflossenen Bilde der Fee des Thales.