– Was hindert mich, sprach er zu sich selbst, der Neigung meines Herzens zu folgen? Warum trage ich die Schmerzen, deren Heilung in meiner Macht steht? Fort in das Thal, vielleicht ist das Geschick mir hold!

4.

Der Herbst mit seinen Stürmen hatte den Sommer vertrieben und auch er schickte sich bereits an, dem Winter das Feld zu räumen, als ein eleganter Reisewagen mit zwei Postpferden bespannt durch das Thal bei D. fuhr. Wo der Fußweg zur Mühle sich von der Hauptstraße scheidet, hielt er still und ein junger Mann, in einen blauen Mantel gehüllt, stieg aus. Nachdem er dem Postillon einige Befehle ertheilt, verfolgte er langsam den schmalen Pfad. Als er einige Minuten fortgeschritten war, konnte er durch die blätterlosen Zweige der vor ihm liegenden Baumgruppe das Dach und den Schornstein der Mühle gewahren, aus dem ein weißer Rauch in den schweren, trüben Himmel emporwirbelte. Als ob ihm eine große Angst die Brust beengte, blieb er stehen und betrachtete die Mühle, deren Rad, obgleich der Bach mit Wasser überfüllt war, still stand. Julius – denn dieser war der Mann im Mantel – konnte sich den Grund davon nicht erklären, wie von einer bösen Ahnung durchbebt, blickte er seufzend empor. Einzelne große Schneeflocken fielen ihm in das brennende Gesicht und ein kalter Wind, der in kurzen Zwischenräumen traurig durch die kahlen Baumwipfel seufzte, spielte mit seinem flatternden Haare. Eine bittere Melancholie bemächtigte sich seiner, zusammenschauernd warf er den Mantel fester um sich, dem Schnee und dem Todeshauche der Natur zu wehren. Dann setzte er seinen Weg fort.

Die Wiese neben der Mühle war mit Wasser überschwemmt, sie bildete eine Fläche mit dem Teiche, in welchem die kleine Insel lag. Julius mußte einige Augenblicke forschen, ehe er sie erblicken konnte, denn nur die Spitzen der Gesträuche und die kahlen, dünnen Zweige der Thränenweide ragten aus der trüben Wasserfläche empor. Der kleine Kahn, der Marien gewiegt, lag zerschellt an einem Stamme der Baumgruppe, welche den jungen Mann verborgen gehalten, als er das Gespräch auf der Insel belauschte. Die Oberfläche des Wassers war mit schwarzen abgebrochenen Zweigen und schmutzig grünem Schilf bedeckt.

– Wie, rief Julius, überwältigt von diesem traurigen Anblicke, ist denn der Winter auch hier so schrecklich? Hält der rauhe Gast denn überall schonungslos seinen Einzug? Nirgend, setzte er seufzend hinzu, ist ein Andenken an die Rosen des Frühlings geblieben! Er hat alles zerstört!

Als er emporblickte, sah er eine weiße Wolke, die sich über der Mühle gelagert hatte – es war der Rauch aus dem Schornsteine, den die schweren Winterwolken niederdrückten.

Während dieser Zeit war er langsam in den kleinen Hof getreten. Das Fischnetz hing wieder an derselben Stelle neben der Thür, wohin es Marie gehangen, als er sie das erstemal sah. Betreten blieb er plötzlich stehen, als sich seine Blicke auf die halbgeöffnete Hausthür richteten: der Platz vor derselben war mit weißem Sande und Blättern von Immergrün bestreut; an dem Balken über derselben hing ein großer Kranz von gelben Strohblumen und Buchsbaum. Julius zitterte, er vermochte nicht weiter zu gehen.

– Was bedeutet das, stammelte er vor sich hin, hat der Tod oder die Freude hier Einzug gehalten?

Ein Blick nach dem kleinen Gärtchen gab ihm Antwort auf diese Frage. Marie, festlich geschmückt, mit dem Brautkranze im Haare, stand an der dürren Hecke und betrachtete sinnend die Stelle, wo sie im Frühlinge für Julius die Veilchen gepflückt hatte. Sie schien die Ankunft des Fremden nicht zu bemerken; mit der einen Hand auf den Zaun gestützt und mit der andern an einem blätterlosen Epheu spielend, stand sie da und betrachtete das erstorbene Gras, aus welchem im Frühlinge die Veilchen dufteten.

Julius war seiner Sinne nicht mächtig, als er ihr in's Angesicht blickte, die Rosen auf ihren Wangen waren verschwunden, statt ihrer deckte eine Blässe das liebliche Gesicht, die von einem herben Seelenschmerze Kunde gab. War sie unter den Rosen des Frühlings schön gewesen, so war sie in ihrem Schmerze noch tausendmal schöner. Und diese Schönheit wurde durch den grünen Myrthenkranz noch erhöht, denn er umstrahlte sie mit der Glorie der Braut, mit der Glorie, die keine Krone der Erde zu überstrahlen vermag. Ein blaues Mieder umschloß den schlanken, zarten Leib und eine kleine goldene Kette mit einem Kreuz, die vielleicht die Mutter schon am Traualtare getragen, lag auf dem Schnee ihres Halses. Ein Myrthenstrauß, worin eine weiße Monatsrose, schmückte das Mieder am Busen.