Da stand urplötzlich eine hohe Frau – – –

– Herrlich, vortrefflich! unterbrach sich der Leser. O wenn ich in dieser Begeisterung vollenden könnte, wenn sie nur heute nicht durch Nebenumstände unterbrochen würde! Es ist auch wahrhaftig nicht leicht, eine Heldin wie die Gräfin Thekla Andrasy zu besingen, den großen Charakter dieser Jungfrau zu malen, die den Muth eines Generals entwickelt, ohne die eigenthümliche Grazie ihres Geschlechtes zu verletzen. Aber eben diese Schwierigkeit verdoppelt meine Kräfte und ich besinge sie. Soviel steht fest, fuhr er mit Begeisterung fort, daß mein Gedicht unter den obwaltenden Verhältnissen ein kühnes Unternehmen ist, denn wie viele mußten in der jüngsten Zeit ähnliche Wagnisse mit dem Leben büßen – Und wenn man entdeckte, daß ich, ein einfacher Advokat von Semlin, es wagte, den Ruhm einer edeln Verbannten zu besingen, die von der Regierung für eine Hochverrätherin und von trägen, filzigen Philistern für ein überspanntes Weib gehalten wird – was würde man denken? Und vor allen mein künftiger Schwiegervater? Er ist zwar ein respektabler Apotheker, ein herzensguter Mann – aber ein Feind des Fortschrittes, ein Feind der Freiheit und Unabhängigkeit. Ich muß indeß seine Schwachheit ehren, denn bald, fügte er mit einem zärtlichen Blicke auf das Taschenbuch hinzu, bald werde ich sein Schwiegersohn. Ach, Netti, Du wirst meine poetische Begeisterung würdigen und mein Werk verstehen, Du wirst stolz darauf sein, daß ich für eine so edle, unglückliche Jungfrau meine Stimme erhebe, denn alle scheinen sie verlassen zu haben, selbst ihr Oheim, der jetzt kaiserlicher Minister ist. Ihre Freunde sind theils geflüchtet, theils gefangen, theils durch ein Kriegsgericht zum Schweigen gebracht – und sie, das zarte, edle Mädchen, irrt in dem eigenen Vaterlande flüchtig durch die Steppen, verfolgt von fremden Soldatenhorden, welche die österreichische Ohnmacht zu Hülfe rief.

Wohlan denn, mögen alle sie verlassen und verdammen, ich allein will es wagen, sie zu besingen, – ja, sie soll die Heldin meiner Verse sein! Ich kenne sie nur nach einem unvollkommenen Gemälde, das ich in der Gallerie eines ihrer Schlösser sah – aber noch glaube ich den sanften und doch so stolzen Blick zu sehen, noch schwebt mir die anmuthgeschmückte Stirn vor den Blicken. Wenn der Maler das Urbild nicht erreichen konnte, soll es der Dichter – ich will das Gemälde vollenden, beseelen!

Der junge Mann nahm den Stift wieder zur Hand, stützte den Kopf auf den linken Arm, sann einige Augenblicke nach und begann zu schreiben:

– Da stand urplötzlich eine hohe Frau,

Wie einst Johanna d'Arc im Volksgewühl,

Die Menge ward begeistert – –

Ein Klopfen an der Thür unterbrach den Dichter. Rasch verbarg er das Buch in seiner Tasche und rief »herein!«

Herr Czabo trat ein.

Der Apotheker trug einen schwarzen Frack, schwarze lange Beinkleider, eine weiße Weste und ein weißes Halstuch. Eine feine goldene Brille, die er nur dann auf die Nase herabrückte, wenn er ein Recept zu lesen hatte, lag vor der hohen, glänzenden Stirn. In dieser Kleidung sah man ihn täglich in der Apotheke.