Plötzlich blieb er vor einem weißen Häuschen stehen, dessen Fenster sich in dem Augenblicke erhellten als er ankam.
– Hier wohnt Marie! flüsterte er vor sich hin. Ob ich ihr eine ähnliche Ueberraschung bereite, wie Philipp seinem Mütterchen? Nein, fügte er nach einer Pause der Ueberlegung hinzu, sie bewohnt ganz allein ihren kleinen Meierhof, da ihr Vater vor fünf Jahren gestorben ist, ich will den neidischen Leuten keine Nahrung für ihre Lästerzungen geben, meine Schwester Röschen soll sie in unser Haus rufen, als ob sie ihr etwas mitzutheilen hätte, wenn sie mich dann sieht, wird ihre Ueberraschung nicht minder groß sein. Guten Abend Marie! flüsterte er dem Fenster zu und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Minuten empfing ihn das Jubelgeschrei der fröhlichen Schwester, die mit den Knechten und Mägden das Abendessen verzehrte, als er in das reinliche Zimmer trat.
2.
Um dieselbe Zeit, als die drei jungen Leute auf dem Bergrücken standen und den ersten Blick auf ihre Heimath warfen, trat ein junger Mann in die Wohnung des Dorfrichters Valentin, die unmittelbar an Mariens Meierei grenzt. Er trug einen grünen Rock, einen Hirschfänger an der Seite und einen grauen Hut mit breiter Krämpe. Er mochte nur erst fünf bis sechsundzwanzig Jahre alt sein, aber schon war sein Gesicht, das ein voller dunkler Bart umgab, von einigen Furchen durchzogen, die ihn um zehn Jahre älter erscheinen ließen. Seine Gestalt war schlank, es fehlte ihr aber das Gepräge der Jugend, der Ausdruck der Kraft und des Feuers.
– Guten Abend, Vetter, sagte der Jäger, indem er mißmuthig seinen Hut auf den runden Tisch warf, der in der Mitte des Zimmers stand.
Der Vetter, der an einem kleinen Schreibepulte saß und Papiere in ein aufgezogenes Schubfach zurücklegte, schien an dem Besuche kein sonderliches Vergnügen zu finden, denn er sah sich mit ärgerlicher Miene um, ohne auf den Gruß zu danken und vollendete schweigend das angefangene Geschäft. Der Jäger warf sich indeß, als ob er an einen solchen Empfang schon gewöhnt sei oder ihn unter Umständen vorausgesetzt hatte, in einen großen Lederstuhl und schlug behaglich die langen Beine übereinander. Ein großer Jagdhund trat langsam hinter dem Ofen hervor, leckte einen Augenblick die Hand des Angekommenen und zog sich dann ruhig wieder auf seinen Platz zurück. Nach einiger Zeit schloß der Dorfrichter das Pult und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der Augenblick schien gekommen, wo er einem längst gehegten Aerger freien Lauf geben konnte, denn er schob seine pelzverbrämte Sammtmütze auf ein Ohr, stemmte dann beide Fäuste in die Seiten, trat vor den schweigenden Neffen und rief mit wuthblitzenden Augen:
– Weißt Du auch, Neffe, daß Du ein Taugenichts bist, dem ich eigentlich meine Thür verschließen müßte?
– Lieber Vetter, sagte ruhig der Jäger, ohne sich zu rühren, das ist ein Fehler der Erziehung, die Sie mir gegeben.
– Wie, ich trage die Schuld? rief entrüstet der Alte. Ich habe Dir nichts gegeben, was Dich auf den betretenen Weg führen könnte; ich habe vielmehr geglaubt, daß mein ökonomisches System Dir heilsam sein würde – jetzt sehe ich aber, daß mir dieses System theuer zu stehen kommt.
– Hat Sie vielleicht meine Anstellung als Revierförster, die mir der Graf Rudolph gab, ehe er in den Krieg zog, ruinirt? Ich glaube nicht.