4.

Neun Uhr war vorüber, als die Nachtstille, welche über dem Dorfe ausgebreitet lag, durch Musik und Vivatgeschrei unterbrochen wurde. Die jungen Burschen und Mädchen zogen von der Schenke aus nach der Wohnung Valentins, um dem neuen Ortsrichter ihre Huldigungen darzubringen. In bunter Gruppe machten sie unter den Fenstern Halt, während die Musikbande mit Hörnern, Trompeten und Klarinetten einen schmetternden Marsch ausführte. Was sich dem Zuge nicht angeschlossen hatte, erschien jetzt auf dem Platze, um theils die Musik, theils die Rede des Richters zu hören, der sich in der Kirche schon als ein guter Redner bewährt hatte.

Auch Marie, die ihren Konrad noch einmal zu sehen hoffte, trat in demselben Augenblicke zu einer Gruppe junger Mädchen, als Valentin mit stolzer Miene aus dem Hause kam, einen großen Stein bestieg, der an der weißen Mauer lag, und laut und vernehmlich zu reden begann, daß der ganze Platz wiederhallte.

Die unruhige Braut hörte wenig von den begeisterten Worten des zum Ortsrichter verwandelten Schulmeisters, ihre Gedanken beschäftigten sich nur mit Konrad und dem geheimnißvollen Fremden im Walde. Ueberall, wo nur Männer standen, spähte sie mit den Blicken; sie traf wohl in dem hellen Mondenscheine manches Gesicht, das ihr freundlich zulächelte, doch nicht das Gesicht dessen, den sie liebte.

Die Rede war zu Ende und die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch. Marie, deren Angst mit jeder Minute sich vergrößerte, obgleich sie sich keinen Grund dafür angeben konnte, entfernte sich unbemerkt von den jungen Mädchen und wollte eben in die Thür ihres Hauses treten, als die Musik plötzlich schwieg und die Menge sich neugierig nach dem Orte drängte, wo der Richter seine Rede gehalten hatte. Bestürzt blieb sie stehen und lauschte, ihr war, als ob sie eine Unglücksbotschaft von Konrad hören müßte. Diese Ahnung schien in Erfüllung gehen zu sollen, denn sie erkannte aus dem Gemurmel deutlich Röschens Stimme, die sie noch bei der Tante in dem benachbarten Dorfe wähnte. Mit ungeheurer Anstrengung faßte sie allen ihren Muth zusammen und drängte sich durch den dichten Haufen, bis sie an die Hausthür des Richters gelangte.

Hier stand Röschen bleich und athemlos vor Valentin und versuchte zu reden, Angst und Erschöpfung aber erstickten das Wort im Munde.

– Was giebt's? Was ist geschehen? hörte man Männer und Frauen rufen, indem sich alle immer näher herandrängten.

– Röschen, Röschen, stammelte Marie, indem sie die bis zum Tode erschöpfte Freundin unterstützte – um Gotteswillen, was treibt Dich hieher? Ist ein Unglück geschehen?

– Ruhe! gebot der Richter. Was führt Dich zu mir, mein Kind?

Nach einigen Minuten hatte sich Konrad's Schwester soweit erholt, daß sie zu Worte kommen konnte.