– Ich zweifle, daß er kommen wird.

– Und wenn er kommt? fragte zitternd Eberhard.

– Wird sie ihn diesen Abend zum letzten Male empfangen haben.

Als der Zug den Wald erreichte, brach das schwere Gewitter mit einer Gewalt los, daß die Bäume in lichten Flammen zu stehen schienen und die Berge von den kurz aufeinander folgenden Donnerschlägen wiederhallten.

Marie saß die ganze Nacht am Fenster und weinte.

5.

Ein heiterer Morgen stieg aus dem Nebelschooße der Nacht, Flur und Wald, erquickt durch den Gewitterregen, sandten einen balsamischen Duft in das Lichtmeer, das in glänzenden Strahlen über der Landschaft wogte. Die bekümmerte Marie, bleich und mit rothgeweinten Augen, verließ ihr Haus und ging durch den duftenden Garten einer dichten Laube zu, die am äußersten Ende desselben lag. Langsam ließ sie sich auf der Holzbank nieder und stützte ihr brennendes Köpfchen in die hohle Hand, während die Augen sich starr auf den freundlichen Kirchthurm richteten, der jenseits des Gartenzaunes hinter einer Gruppe Linden emporragte.

Marie hing mit warmer, treuer Liebe an dem Manne, von dessen Verbrechen sie die deutlichsten, unläugbarsten Beweise gehabt. Was kann ihn dazu bewogen haben? hatte sie sich tausendmal während der schlaflos verbrachten Nacht gefragt. Sie gab sich seine Armuth als einen Grund an, seinen Ehrgeiz, ein kleines Vermögen ihr zuzubringen – aber stets verwarf sie ihn wieder, wenn sie daran dachte, daß sie selbst eine gut gehaltene Meierei besäße, von deren Ertrage ihr künftiger Gatte leben könne. Nein, rief sie aus, die Liebe zu mir hat ihn nicht zum Verbrecher gemacht, er muß eine andere Veranlassung gehabt haben. Hätte er mich wahrhaft geliebt, so mußte er seine Ehre rein und makellos erhalten, da sie jetzt schon die meinige ist. Konrad, Du hast Deine Marie verrathen!

Seufzend senkte sie das bleiche Gesicht auf die wogende Brust herab und das trübe Auge richtete sich auf den mit gelben Kiessand bestreuten Boden, wo Konrad ihr gestern Nachmittag mit einem Stocke den Plan der Schlacht gezeichnet hatte, in der er dem jungen Grafen Rudolph das Leben gerettet.

Unwillkührlich einen Schrei ausstoßend, legte sie beide Hände vor die Augen, als der Gedanke in ihr aufstieg: wäre er doch eines ehrenvollen Todes gestorben! – das arme Mädchen liebte Konrad noch, selbst als einen Verbrecher.