Ein Geräusch von Schritten weckte die Sinnende. Sie schlug die Augen auf und sah Röschen, die heiter und froh durch die Wege des Gartens der Laube zueilte.
– Sie kennt das Verbrechen des Bruders nicht, flüsterte sie vor sich hin – wenn es von mir allein abhängt, soll sie es nie erfahren – ja, ja, weder sie noch sonst ein Mensch in der Welt!
– Guten Morgen, Marie! rief Konrad's Schwester schon aus, noch ehe sie die schattige Laube erreicht hatte. Man sagte mir, Du wärst in den Garten gegangen, um nachzusehen, ob der Sturm dieser Nacht keinen Schaden angerichtet und nun finde ich Dich träumend in der Laube – was hast Du denn? Ist ein kleiner Streit zwischen Dir und Konrad vorgefallen? Schon gestern Abend kamst Du mir niedergeschlagen vor – heute sehe ich, daß Du wirklich traurig bist, und meinen Bruder vermisse ich auch – –
– Röschen, fragte Marie mit ängstlicher Neugierde – glaubtest Du Deinen Bruder hier zu finden?
– Ei freilich! Wo denn sonst?
– Hast Du ihn diesen Morgen noch nicht gesehen?
– Nein, er ist diese Nacht nicht zu Hause gewesen!
Erbleichend wandte sich Marie ab, Röschen brachte ihr einen neuen Beweis von Konrad's Verbrechen.
– Laß Dich das nicht erschrecken, fuhr Röschen unbefangen und theilnehmend fort – er hat gestern Abend uns sagen lassen, daß wir nicht auf ihn warten sollten, da ihn ein wichtiges Geschäft von Hause fern halte. Diesen Morgen nun, dachte ich, würde sein erster Weg zu Dir sein, und das ist auch ganz in der Ordnung, denn die Braut geht der Schwester vor.
Mit den letzten Worten hatte sich Röschen an Marien's Seite gesetzt und begann ihr in das trübe Auge zu sehen.