– Ich weiß nicht, wo Dein Bruder ist, antwortete Marie, ihre Bewegung verbergend – vielleicht drängt es ihn nicht so sehr mich zu sehen, als Du glaubst. Er ist im Kriege gewesen, unter rohen Soldaten – er hat schlechte Beispiele vor Augen gehabt – dies alles kann das Herz eines braven Menschen schon verderben.
– Wie, rief Röschen entrüstet, Du hältst meinen Bruder für ungetreu? Nein, Marie, so tief ist mein Bruder nicht gesunken, selbst wenn er im Kriege unter lauter schlechten Menschen gewesen wäre! Doch sei nur ruhig, er wird und muß kommen, ich kenne ihn besser und setze durchaus kein Mißtrauen in ihn. Auch unser neuer Ortsrichter wundert sich, daß er diese Nacht nicht mit ausgezogen ist, die Räuber zu verfolgen.
– Nun, was hat man entdeckt? fragte eifrig Marie.
– Nichts! An dem Orte, den ich bezeichnet, hat man eine Menge Laub und abgebrochener Zweige gefunden – das ist alles. Daß übrigens eine Rauferei dort stattgefunden, ist klar – aber von Blutspuren war nichts zu sehen, es ist wahrscheinlich nur eine einfache Plünderung gewesen.
– Röschen, ist das nicht genug? Einen Straßenraub bestraft das Gesetz mit dem Tode – und wenn auch nicht, so ist die Schande mindestens dasselbe.
– Ei, das will ich meinen, Marie! Der Ortsrichter will auch durchaus einen hängen lassen. Diesen Morgen ganz früh war er schon bei mir und plagte mich mit verschiednen Fragen. Unter andern: ob ich nicht in der Angst einen Busch für Räuber angesehen hätte? O nein, Herr Valentin, meine Augen sind nur zu gut, ich habe ganz deutlich gesehen, was ich berichtet. Aber denke Dir, noch deutlicher habe ich die ganze Geschichte im Traume gesehen. Mir hat die ganze Nacht hindurch nur von Räubern geträumt – Marie, Marie, rief sie plötzlich, indem sie mit dem Finger nach einem Hügel deutete, der sich dicht am Gartenzaune erhob – sieh' dorthin – habe ich nicht Recht gehabt?
Beide Mädchen blickten schweigend nach dem bezeichneten Orte: Röschen mit Verwunderung, Marie mit Entsetzen, denn sie sahen Konrad mit verschränkten Armen und gesenktem Haupte den Fußpfad herabkommen, der von dem Hügel zu einer kleinen Thür in dem Gartenzaune führte, die in der Regel geöffnet war, da sie den Knechten und Mägden einen nähern Weg in das Feld bot.
Nach einer Minute war der junge Mann so nahe gekommen, daß Marie deutlich seine Kopfbedeckung wahrnehmen konnte – er trug statt des Hutes eine Tuchmütze mit einem Lederschirme.
– Es ist Konrad, sagte sie zitternd.
– Was ihm nur begegnet sein mag? fragte Röschen. Er ist sonst stets so fröhlich, und diesen Morgen – –