1849-1871
von
Johan August Strindberg
Geschrieben 1886 in Frankreich
1.
Furchtsam und hungrig.
Die vierziger Jahre waren zu Ende. Der dritte Stand, der sich in Schweden durch die Revolution des Jahres 1792 einige Menschenrechte erkämpft hatte, war jetzt daran erinnert worden, daß es einen vierten und fünften Stand gab, die vorwärts wollten. Die schwedische Bürgerschaft, die Gustav III. bei seiner königlichen Revolte geholfen hatte, war längst in die obere Klasse aufgenommen worden, unter der Großmeisterschaft des früheren Jakobiners Bernadotte, und hielt dem Adel und den Beamten die Wage, die Carl Johan mit seinen proletarischen Instinkten haßte und fürchtete. Nach achtundvierzigjährigen Zuckungen kam die Bewegung in die Hände des aufgeklärten Despoten Oscar I. Der hatte eingesehen, daß man der Entwicklung keinen Widerstand leisten kann, und wollte darum die Gelegenheit benutzen, Reformen durchzuführen, um sich beliebt zu machen. Er fesselt die Bürgerschaft an sich, indem er ihr Gewerbefreiheit und Freihandel gewährt, natürlich unter gewissen Beschränkungen; entdeckt die Macht der Frau und bewilligt den Töchtern das gleiche Erbrecht wie den Söhnen, ohne jedoch den Söhnen als künftigen Familienversorgern ihre Last zu erleichtern. Seine Regierung stützt sich auf den Bürgerstand, während Adel und Priesterschaft die Opposition bilden.
Noch besteht die Gesellschaft aus Klassen, aus ziemlich natürlichen Gruppen, die nach Beruf und Beschäftigung getrennt sind und einander in Schach halten. Dieses System hält eine gewisse Volksherrschaft aufrecht, wenigstens in den höhern Klassen. Man hat die gemeinsamen Interessen noch nicht entdeckt, welche die oberen Klassen zusammenhalten; und noch gibt es nicht die neue Schlachtordnung, die nach Ober- und Unterklasse aufgestellt ist.
Deshalb gibt es auch noch keine besonderen Viertel in der Stadt, der Hauptstadt Stockholm, in denen die obere Klasse das ganze Haus bewohnt und die durch hohe Mieten, herrschaftliche Aufgänge, strenge Pförtner abgesondert sind. Darum ist das Gebäude am Klarakirchhof, trotz der vorteilhaften Lage und hohen Einschätzung, noch in den ersten fünfziger Jahren ein recht demokratisches Familienhaus. Es bildet ein Viereck um einen Hof. Die Straßenfront wird zu ebener Erde vom Baron, eine Treppe hoch vom General, zwei Treppen hoch vom Reichsgerichtsrat, der Hauswirt ist, drei Treppen hoch vom Kaufmann und vier Treppen hoch vom pensionierten Küchenmeister des seligen Königs Carl Johan bewohnt. Im linken Hofflügel wohnt der Tischler, der Hausverwalter, der ein armer Teufel ist; im andern Flügel wohnt der Lederhändler und einige Witwen; im dritten Flügel wohnt die Kupplerin mit ihren Mädchen.