Drei Treppen hoch in dem großen Gebäude erwachte der Sohn des Kaufmanns und der Magd zum Selbstbewußtsein und zum Bewußtsein vom Leben und dessen Pflichten. Seine ersten Empfindungen, an die er sich später noch erinnerte, waren Furcht und Hunger. Er fürchtete sich im Dunkeln, fürchtete sich vor Schlägen, fürchtete sich, etwas verkehrt zu machen, fürchtete sich zu fallen, sich zu stoßen, im Wege zu sein. Ihm war bange vor den Fäusten der Brüder, vorm Zausen der Mägde, vor der Schelte der Großmutter, vor Mutters Rute und Vaters Rohrstock. Er fürchtete sich vorm Burschen des Generals, der mit Pickelhaube und Faschinenmesser unten im Hausflur stand; er fürchtete sich vor dem Hausverwalter, wenn er beim Müllkasten auf dem Hof spielte; er fürchtete sich vor dem Reichsgerichtsrat, der Hauswirt war.

Über ihm waren Machthaber mit Vorrechten, von den Altersvorrechten der Brüder bis zum höchsten Gericht des Vaters; über dem stand jedoch der Hausverwalter, der ihm die Haare zauste und immer mit dem Hauswirt drohte; dieser war jedoch selten zu sehen, weil er auf dem Lande wohnte; vielleicht wurde er gerade darum am meisten gefürchtet. Aber über ihnen allen, sogar über dem Burschen mit der Pickelhaube, stand der General; besonders wenn er in Uniform ausging, mit dreieckigem Hut und Federn. Das Kind wußte nicht, wie ein König aussah, aber es wußte, daß der General zum Könige ging. Die Mägde erzählten auch Märchen vom König und zeigten des Königs Meerkatze. Die Mutter sprach ihm auch das Abendgebet vor, aber einen klaren Begriff von Gott hatte er nicht; doch mußte Gott etwas Höheres sein als der König.

Diese Furcht war wahrscheinlich dem Kinde nicht eigentümlich, falls nicht die Stürme, welche die Eltern durchmachten, als die Mutter es trug, einen besonderen Einfluß auf das Kind ausgeübt hatten. Es hatte nämlich gehörig gestürmt. Drei Kinder waren vor der Ehe geboren, und Johan kam im Anfang der Trauzeit zur Welt. Willkommen war er wahrscheinlich nicht, am allerwenigsten, da ein Konkurs seiner Geburt vorangegangen war; er also in einer geplünderten Häuslichkeit, die vorher behäbig gewesen, in der jetzt aber nur noch Betten, Tische und Stühle vorhanden waren, geboren wurde. Der Bruder des Vaters starb zur selben Zeit, und zwar als des Vaters Feind, weil der Vater sein freies Verhältnis nicht auflösen wollte. Der Vater liebte dieses Weib und zerriß das Band nicht, sondern knüpfte es fest fürs Leben.

Der Vater war eine verschlossene Natur; hatte vielleicht deshalb einen kräftigen Willen. Er war Aristokrat von Geburt und Erziehung. Es gab einen alten Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies. Später waren die Vorfahren Geistliche gewesen, aus nordschwedischem, vielleicht finnischem Blut. Dann hatte sich das Blut gemischt. Des Vaters Mutter war von deutscher Geburt und stammte aus einer Tischlerfamilie. Des Vaters Vater war Kaufmann in Stockholm, Führer der Bürgerwehr und hoher Freimaurer gewesen; auch hatte er König Carl Johan verehrt. (Ob er den Franzosen, den Marschall oder den Freund Napoleons verehrte, ist noch nicht entschieden.)

Johans Mutter war die Tochter eines armen Schneiders; ihr Stiefvater hatte sie ins Leben hinaus geschickt, zuerst als Magd, dann als Kellnerin. In dieser Stellung war sie von Johans Vater entdeckt worden. Sie war Demokratin aus Instinkt, sah aber zu ihrem Manne auf, weil er „aus guter Familie‟ war; und sie liebte ihn, ob als Retter, Gatte oder Familienversorger, ist schwer zu sagen.

Der Vater duzte Knecht und Magd und wurde von ihnen Herr genannt. Er war trotz seiner Niederlage nicht zu den Mißvergnügten übergegangen, sondern verschanzte sich mittels religiöser Resignation: es war eben Gottes Wille. Auch isolierte er sich in seiner Häuslichkeit. Schließlich blieb ihm immer noch die Hoffnung, wieder in die Höhe zu kommen.

Aber er war Aristokrat aus dem Grunde, bis in seine Gewohnheiten hinein. Sein Gesicht hatte einen veredelten Typus angenommen: glattrasiert, feinhäutig, das Haar wie Ludwig Philipp. Dazu trug er eine Brille, kleidete sich immer fein und liebte reine Wäsche. Wenn der Knecht seine Stiefel putzte, mußte er Handschuhe anziehen: dessen Hände hielt der Herr für so schmutzig, daß er sie nicht in seinen Stiefeln haben wollte.

Die Mutter blieb in ihrem Innersten Demokratin. Sie war immer einfach aber rein gekleidet. Die Kinder sollten immer heile und reine Kleider haben, aber nicht mehr. Sie war vertraulich zu den Dienstboten und bestrafte ein Kind, das gegen einen von ihnen unhöflich gewesen war, sofort, ohne den Fall zu untersuchen, auf die bloße Anzeige hin. Gegen Arme war sie immer barmherzig; mochte der eigene Haushalt noch so knapp sein, niemals ließ sie einen Bettler von ihrer Tür gehen, ohne ihm etwas Essen zu geben. Alle alten Ammen, vier Stück, kamen oft auf Besuch und wurden dann wie alte Freundinnen empfangen.

Furchtbar war der Sturm über die Familie dahingefahren, und wie erschrockene Hühner waren die zerstreuten Mitglieder zusammengekrochen; Freunde und Feinde durcheinander; denn sie fühlten, sie hatten sich gegenseitig nötig und sie konnten sich gegenseitig beschützen.

Tante mietete zwei Zimmer der Wohnung ab. Sie war die Witwe eines berühmten englischen Erfinders und Fabrikbesitzers, der ruiniert gestorben war. Sie hatte Witwenpension; von der lebte sie mit ihren beiden Töchtern, die eine feine Erziehung genossen hatten. Sie war Aristokratin, hatte ein glänzendes Haus gehabt, hatte mit vornehmen Leuten verkehrt. Sie hatte ihren Bruder geliebt, seine Ehe aber nicht gebilligt, jedoch seine Kinder zu sich genommen, als der Sturm kam. Sie trug eine Spitzenhaube und ließ sich die Hand küssen. Lehrte die Kinder ihres Bruders gerade auf dem Stuhl sitzen, schön grüßen, sich sorgfältig ausdrücken.