Ihre Zimmer trugen Spuren des früheren Luxus und der zahlreichen und vermögenden Freunde. Ein gepolstertes Jakarandamöbel mit einem gehäkelten Überzug in englischem Muster. Die Büste des verstorbenen Mannes, im Frack der Akademie der Wissenschaften, mit dem Wasaorden. An der Wand ein großes Ölporträt vom Vater in der Majorsuniform der Bürgerwehr. Die Kinder glaubten immer, das sei der König; er hatte nämlich soviel Orden, die sich später aber als Zeichen der Freimaurer herausstellten.
Tante trank Tee und las englische Bücher.
Ein anderes Zimmer wurde vom Bruder der Mutter bewohnt, der am Heumarkt einen Materialwarenhandel hatte; außerdem von einem Vetter, dem Sohn des verstorbenen Bruders des Vaters, der in die Technische Hochschule ging.
In der Kinderstube hielt sich die Großmutter mütterlicherseits auf. Eine scharfe Alte, die Hosen flickte, Kittel ausbesserte, Abc lehrte, wiegte und zauste. Sie war religiös und kam jeden Morgen um acht Uhr, nachdem sie erst in der Klarakirche ihr Morgengebet verrichtet hatte. Im Winter trug sie eine Laterne, denn Straßenlaternen gab es noch nicht und die Argandschen waren gelöscht.
Sie kannte ihre Stellung, liebte den Schwiegersohn und dessen Schwester wahrscheinlich nicht. Die waren ihr zu fein. Der Vater behandelte sie mit Achtung, aber nicht mit Liebe.
In drei Zimmern wohnte der Vater mit seiner Frau und sieben Kindern nebst zwei Dienstboten. Die Möbel bestanden fast nur aus Wiegen und Betten. Kinder lagen auf Plättbrett und Stühlen, Kinder in Wiegen und Betten. Der Vater hatte kein Zimmer für sich, war aber stets zu Hause. Nahm nie eine Einladung von seinen vielen Geschäftsfreunden an, weil er sie nicht wieder einladen konnte. Ging nie in die Kneipe und nie ins Theater. Er hatte eine Wunde, die er verbergen und heilen wollte. Sein Vergnügen war ein Klavier. Die eine Tochter der Schwester kam jeden zweiten Abend, und dann wurden Haydns Symphonien vierhändig gespielt. Nie etwas anderes. Später auch Mozart. Nie etwas Modernes.
Als die Verhältnisse es ihm wieder erlaubten, hatte er später auch noch ein anderes Vergnügen. Er hielt sich Blumen in den Fenstern. Aber nur Pelargonien. Warum Pelargonien? Johan glaubte später, als er älter wurde und die Mutter nicht mehr lebte, seine Mutter immer neben einer Pelargonie oder beide zusammen zu sehen. Die Mutter war blaß, sie machte zwölf Kindbetten durch und wurde lungenkrank. Ihr Gesicht glich wohl den durchsichtig weißen Blättern der Pelargonie mit ihren Blutstreifen, die im Grunde dunkeln und eine beinahe schwarze Pupille bilden, schwarz wie die der Mutter.
Der Vater ließ sich nur bei den Mahlzeiten sehen. Traurig, müde, streng, ernst war er, aber nicht hart; er sah strenger aus, als er war, weil er bei der Heimkehr immer ohne weiteres eine Menge Sachen entscheiden sollte, die er nicht beurteilen konnte. Auch wurde sein Name immer benutzt, um die Kinder in Schrecken zu versetzen. „Wenn Papa das erfährt‟ bedeutete Schläge. Das war gerade keine dankbare Rolle, die man ihm gegeben. Gegen die Mutter war er immer mild. Er küßte sie immer nach der Mahlzeit und dankte ihr fürs Essen. Dadurch gewöhnten sich die Kinder daran, sie als die Geberin aller guten Gaben und den Vater als den aller bösen zu betrachten. Das war ungerecht.
Man fürchtete den Vater. Wenn der Ruf: „Papa kommt!‟ zu hören war, liefen alle Kinder davon und versteckten sich; oder eilten in die Kinderstube, um sich zu kämmen und zu waschen. Bei Tisch herrschte Todesschweigen, und der Vater sprach nur wenig.
Die Mutter hatte ein nervöses Temperament. Flammte auf, wurde aber bald wieder ruhig. Sie war verhältnismäßig zufrieden mit ihrem Leben, denn sie war gestiegen auf der sozialen Stufenleiter und hatte ihre eigene Stellung wie die ihrer Mutter und ihres Bruders verbessert. Sie trank des Morgens Kaffee im Bett; hatte Ammen, zwei Dienstboten, Großmutter zur Hilfe. Wahrscheinlich überanstrengte sie sich nicht.