Für die Kinder war sie aber immer die Vorsehung. Sie schnitt die Niednägel, verband verletzte Finger, tröstete und beruhigte immer, wenn der Vater gestraft hatte, trotzdem sie der öffentliche Ankläger war. Das Kind fand sie kleinlich, wenn sie dem Papa „petzte‟; Achtung wenigstens erwarb sie sich dadurch nicht. Sie konnte ungerecht, heftig sein; zur Unzeit strafen, auf die bloße Anzeige eines Dienstboten; aber das Kind bekam auch Essen aus ihrer Hand, wurde von ihr getröstet; darum war sie beliebt, während der Vater immer ein Fremder blieb, eher ein Feind als ein Freund.

Das war des Vaters undankbare Stellung in der Familie. Aller Versorger, aller Feind. Kam er müde, hungrig, finster nach Hause und wagte, fand er den Fußboden frisch gescheuert und das Essen schlecht bereitet, einen Tadel auszusprechen, so erhielt er eine etwas kurze Antwort. Er lebte in seinem eigenen Hause wie auf Gnade, und die Kinder verbargen sich vor ihm.

Der Vater war mit seinem Leben weniger zufrieden, denn er war hinabgestiegen, hatte seine Stellung verschlechtert, mußte entsagen. Und wenn er die, denen er das Leben gegeben und das Essen schenkte, unzufrieden sah, wurde er nicht froh.

Aber die Familie selbst ist keine vollkommene Einrichtung. Für die Erziehung hatte niemand Zeit; die nahm die Schule da auf, wo die Mägde aufgehört hatten. Die Familie war eigentlich eine Speisewirtschaft, eine Wasch- und Plättanstalt; aber eine unzweckmäßige. Nie etwas anderes als Kochen, Einkaufen, Waschen, Plätten, Scheuern. So viele Kräfte in Bewegung für so wenig Personen. Der Gastwirt, der Hunderte speiste, wandte kaum mehr auf.

Die Erziehung bestand aus Schelten und Zausen, wies hin auf Gebet und Gehorsam. Das Leben empfing das Kind mit Pflichten, nur mit Pflichten, nicht mit Rechten. Aller andern Wünsche durften sich äußern, die des Kindes wurden unterdrückt. Das Kind konnte keinen Gegenstand anfassen, ohne etwas Unrechtes zu tun; nicht umherlaufen, ohne im Wege zu sein; nicht ein Wort äußern, ohne zu stören. Schließlich wagte es sich nicht mehr zu rühren. Seine höchste Pflicht und seine höchste Tugend war: auf einem Stuhle stillsitzen und ruhig sein.

— Du hast keinen Willen, so lautete es immer. Und damit wurde der Grund zu einem willenlosen Charakter gelegt.

— Was werden die Menschen sagen, hieß es später. Und damit wurde sein Selbst angegriffen: er konnte nie er selber sein, war immer abhängig von fremder Ansicht, die sich ändert; traute sich selber nichts zu, ausgenommen in den wenigen Augenblicken, in denen er seine energische Seele unabhängig von seinem Willen arbeiten fühlte.

Der Knabe war äußerst empfindsam. Weinte so oft, daß er deshalb einen besonderen Schimpfnamen bekam. Jeder kleine Tadel verletzte ihn; er war in beständiger Unruhe, einen Fehler zu begehen. Er achtete aber auf Ungerechtigkeiten und wachte über die Verfehlungen der Brüder, indem er hohe Anforderungen an sich selber stellte. Wenn die Brüder nicht bestraft wurden, fühlte er sich tief gekränkt; wenn sie zur Unzeit belohnt wurden, litt sein Gerechtigkeitsgefühl. Darum wurde er für neidisch gehalten. Er ging dann zur Mutter, um sich zu beklagen. Bekam einige Male recht, wurde aber ermahnt, es nicht so genau zu nehmen. Aber man war ja so genau gegen ihn, und es wurde ihm befohlen, genau gegen sich selbst zu sein. Er zog sich zurück und wurde bitter. So wurde er scheu und verschlossen. Verbarg sich ganz hinten, wenn etwas Gutes verteilt wurde, und weidete sich daran, wenn er übersehen wurde. Er fing an, Kritik zu üben und bekam Geschmack für Selbstquälerei. Bald war er melancholisch, bald war er mutwillig.

Sein ältester Bruder war hysterisch; konnte, wenn er beim Spiel geärgert wurde, unter konvulsivischem Lachen, das ihn zu ersticken drohte, niederfallen. Dieser Bruder war der Liebling der Mutter und der andere der des Vaters. Lieblinge gibt es in allen Familien. Es ist nun einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt als das andere; weshalb, ist nicht zu entscheiden. Johan war niemandes Liebling. Das fühlte er und das grämte ihn. Die Großmutter sah es und nahm sich seiner an. Er lernte das Abc bei ihr und half ihr beim Wiegen. Aber er war mit dieser Liebe nicht zufrieden; er wollte die Mutter gewinnen. Und er wurde zutunlich, betrug sich aber so plump dabei, daß er durchschaut und zurückgestoßen wurde.

Es wurde strenge Zucht im Hause gehalten. Lüge wurde schonungslos verfolgt und Ungehorsam auch. Kleine Kinder lügen aber oft aus mangelhaftem Gedächtnis. Was hast du getan? fragt man sie. Es ist vor zwei Stunden geschehen, und das Kind denkt nicht so weit zurück. Da das Kind die Handlung für gleichgültig hielt, hat es sie sich nicht gemerkt. Darum können kleine Kinder lügen, ohne es zu wissen. Darauf muß man achten.