Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft, die mit Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See, der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten; schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu Hause.
In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen, da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich naturfeindlich?
Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.
Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859 war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können. Moleschott wurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.
Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet; das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.
— Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.
— Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.
— Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.
Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium, das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber verstummte er.
— Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.