Johan war Aristokrat geworden, ohne seine Sympathien für die Unterklasse aufzugeben. Und da der Adel um 1865 sehr liberal war, herablassend und augenblicklich volkstümlich, wurde er getäuscht. Er begriff nicht, daß die, welche einmal oben waren, andere nicht mehr zu treten brauchten; daß die, welche auf der Höhe saßen, herablassend sein konnten, ohne herabzusteigen. Er sah nicht ein, daß die, welche unten waren, sich von denen, die an ihnen vorbei und hinaufsteigen wollten, getreten fühlten; daß die, welche keine Aussicht hatten, hinaufzukommen, nur den Trost besaßen, die herunterzuholen, die oben oder auf dem Wege dorthin waren. Das war ja das Gesetz des Gleichgewichts, das er noch nicht eingesehen hatte. Er war entzückt, zu den Vornehmen zu kommen.

Fritz gab ihm Vorschriften, wie er sich zu benehmen habe. Man solle nicht kriechen, nur bescheiden sein; nicht alles sagen, was man denke, denn das verlange niemand zu wissen; könne man Artigkeiten sagen, ohne grob zu schmeicheln, sei es gut; konversieren, aber nicht räsonnieren, vor allem nicht disputieren, denn recht bekomme man doch nicht. War das ein kluger Jüngling! Johan fand ihn entsetzlich, verbarg das Wort aber in seinem Herzen. Was er gewinnen konnte, war eine akademische Stellung, vielleicht eine Reise ins Ausland, nach Rom oder Paris, mit den Schülern. Das war das höchste, was er von den Vornehmen verlangte. Das hielt er für sein Glück, und nach diesem Glück wollte er jetzt jagen.

Er machte seinen ersten Besuch bei der Baronin an einem Sonntagnachmittag, als sie in der Stadt war. Sie glich dem alten Porträt einer Dame mittleren Alters. Adlernase, große braune Augen, das Haar über die Schläfen gekräuselt. Sie war elegisch, hatte einen schleppenden Ton, sprach etwas durch die Nase. Johan fand nicht, daß sie fein aussah, und die Wohnung war dürftiger als sein Elternhaus. Aber sie hatten ja das Herrenhaus, das Schloß, auf dem Lande. Sie gefiel ihm jedoch, denn sie hatte einen Zug, der ihn an seine Mutter erinnerte. Sie prüfte ihn, sprach mit ihm, ließ ihr Knäuel fallen. Johan sprang auf, nahm das Knäuel, aber gab es mit einer Miene zurück, die selbstzufrieden sagte: das kann ich, denn ich habe schon viele Taschentücher für die Damen aufgehoben. Die Prüfung fiel zu seinem Vorteil aus, und er wurde angenommen.

Am Morgen des Tages, an dem sie aus der Stadt abfahren sollten, fand er sich in der Wohnung ein. Der Königliche Sekretär, so wurde der Hausherr genannt, stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und band sein Halstuch. Er sah stolz und milzsüchtig aus, grüßte kurz und kalt. Johan nahm ungebeten einen Stuhl, versuchte die Unterhaltung zu beginnen; das gelang ihm aber nicht, weil der Sekretär ihm den Rücken drehte und kurz antwortete.

— Das ist kein Vornehmer, dachte Johan; das ist ein Knoten!

Und sie waren einander antipathisch als zwei aus der Unterklasse, von denen jeder scheel auf das Hinaufklettern des andern sah.

Der Wagen stand vor der Tür. Der Kutscher hatte Livree an und grüßte mit der Mütze in der Hand. Der Sekretär fragte Johan, ob er im Wagen oder auf dem Kutschbock sitzen wolle; jedoch in einem Ton, daß Johan beschloß, fein zu sein und die Einladung auf den Kutschbock zu verstehen. Er setzte sich also neben den Kutscher.

Als die Peitsche knallte und die Pferde anzogen, hatte Johan nur einen Gedanken: Fort von Haus! Hinaus in die Welt!

Beim ersten Gasthaus, wo sie rasteten, stieg Johan ab und trat ans Wagenfenster. Dort erkundigte er sich in einem leichten, verbindlichen, vielleicht etwas vertraulichen Ton nach dem Befinden der Herrschaft; erhielt aber von dem Herrn eine kurze scharfe Antwort, die jede weitere Annäherung abschnitt.

Was hatte das zu bedeuten?