An den Nachmittagen studierte Johan und ergänzte die lebenden Sprachen durch Italienisch. Er hatte erfahren, daß man Boccaccios „Dekameron‟ übersetzen müsse. Das ist ein sonderbares Prüfungsbuch, dachte er. Es enthielt recht unmittelbare Aufforderungen zur Unsittlichkeit und machte sich über die Männer, die von ihren Frauen betrogen wurden, lustig. Sehr unterhaltend war es gerade nicht. Es hatte auch andere Seiten, die Johan aus der Literaturgeschichte kannte. Es war ein Oppositionsbuch gegen das Mönchsleben des Mittelalters, geschrieben gegen Ende des Mittelalters, und es machte sich über die Ehe lustig. Boccaccio scheint zuerst die lächerliche Stellung des Ehemanns durchschaut zu haben: der hat die Familie zu versorgen und seine Vaterschaft ist nicht immer ganz zweifellos, nachdem die Frau dem Manne die Arbeit aufgebürdet und ihn allein für alle ihre Kinder verantwortlich gemacht hat. Es ist also eine Satire auf das köstliche Patriarchat, das die Frau zu ihrem Vorteil gegen das vernünftigere und ursprünglichere Matriarchat eingetauscht hat. Während sie die Unterdrückte zu sein schien, wählte sie die günstigere Stellung, indem sie sich keine anderen bürgerlichen Rechte vorbehielt als die Befehlshaberstellen der Kaiserin, Königin, Äbtissin, Mutter und Madonna.
Indessen schien diese franke Behandlung geschlechtlicher Geschichten dem Trieb Sanktion zu geben, und jetzt säte er seinen Wildhafer nach allen Seiten aus. Er hatte gewöhnlich zu gleicher Zeit drei Flammen. Eine große heilige reine, wie er sie nannte, aus der Entfernung, mit Heiratsplänen im Hintergrunde; also ein Ehebett, aber rein. Dann eine kleine Liebelei mit einem Wirtshausmädchen. Schließlich die ganze große Freischar: blonde, braune, rothaarige, schwarze. Es sah aus, als wachse die Reinheit des Gefühls im Verhältnis zur Schwierigkeit, aber auch mit dem Bildungsgrad. Eine wirkliche Liebe kann wohl nur zwischen Personen derselben Klasse entstehen. Auch die Liebe ist eine Klassensache geworden, obwohl sie schließlich dieselbe Sprache in allen Klassen hat.
Johan hatte ein Jahr lang eine Verbindung mit einer Kellnerin unterhalten. Da er Frauen immer mit einer gewissen Achtung behandelte und nicht eher brutal wurde, bis die Situation reif war, begann das Mädchen eine Neigung zu ihm zu fassen, schien an ernste Absichten zu glauben, obwohl er nichts dergleichen andeutete, noch irgendwelche Versprechungen gab. Es bewilligte jede Gunst, nur die letzte nicht. Es war ein entnervendes Leben, und Johan beklagte sich einem Freunde gegenüber.
— Du bist zu schüchtern, sagte der Freund. Die Mädchen lieben nun einmal kühne Männer.
— Aber ich bin nicht schüchtern, beteuerte Johan.
— Aber du bist es anfangs gewesen. Man muß sofort seine Absichten zeigen.
Es war wirklich zu spät. Diese Beobachtung fand er dann oft bestätigt. Wenn es keine Hoffnung auf Ehe gab, dann war es leicht; sonst nicht.
Zwei Jahre verlor er an dieser Neigung, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Oft schien es ganz nahe zu sein. Er durfte sie in der Nacht treffen, auf einer Feuerleiter zum Fenster hinaussteigen, sich mit Kettenhunden herumschlagen, am Zaun die Kleider zerreißen, ohne etwas anderes als halbe Gunst zu erreichen. Es endete mit Tränen und Bitten.
— Ich liebe dich zu sehr! sagte sie.