Das Mädchen erschien in der Tür und winkte Johan. Sie sah beinahe ernst aus. Johan stand auf und folgte ihr eine Treppe hoch.
— Hast du diese Verse geschrieben? fragte sie.
— Nein, sagte Johan.
— Das habe ich mir gedacht! Die Büfettmamsell sagt, sie habe sie schon vor zwei Jahren gelesen; da habe sie dieser Lehrer an die alte Marie geschrieben, die ein schlechtes Mädchen war. Pfui, Johan!
Er nahm seine Mütze und wollte hinausstürzen; aber das Mädchen umschlang ihn mit seinen Armen, um ihn zurückzuhalten, denn es sah, er war leichenblaß und außer sich. Er riß sich jedoch los und lief in den Bellevuepark hinaus. Von dort stürmte er in den Wald hinein, indem er die gebahnten Wege verließ. Die Zweige der Büsche schlugen ihm ins Gesicht, Steine rollten ihm um die Füße, erschrockene Vögel flogen auf. Er war vor Scham ganz wild geworden und suchte aus Instinkt den Wald auf, um sich zu verbergen.
Es ist eine merkwürdige Erscheinung: in den Wald laufen ist der höchste Ausbruch der Verzweiflung, ehe der Mensch ins Wasser geht. Der Wald ist das vorletzte, das Wasser das allerletzte. Man erzählt von einem berühmten Dichter dies: Zwanzig Jahre lang sei er populär gewesen, aber bei einer plötzlichen Wendung seiner Dichtung wurde er vollständig unpopulär und von seiner Höhe herabgestürzt. Wie vom Blitz war er getroffen, wurde rasend und schämte sich; verließ die Stadt, um den Wald aufzusuchen. Dort erholte er sich. Der Wald ist die Urheimat der Barbarei und der Feind des Pfluges, also der Kultur. Wenn nun ein Kulturmensch plötzlich seiner Kulturherrlichkeit entkleidet wird, seines so künstlich gewebten Rufes, wird er in einem Augenblick Barbar oder Wild. So lose hängt das Kleid der Kultur auf dem Körper. Wenn ein Mensch verrückt wird, wirft er die Kleider ab. Was könnte also die Verrücktheit sein? Ein Rückgang? Ja, manche halten das Tier auch für wahnsinnig.
Es war Abend, als Johan in den Wald kam. In einem Dickicht legte er sich auf einen großen Steinblock. Er schämte sich, das war der Haupteindruck. Ein empfindlicher Mensch ist sehr viel strenger gegen sich selbst, als andere glauben. Er war unbarmherzig und er geißelte sich. Er hatte zuerst mit geliehenen Federn glänzen wollen, also gelogen; hatte zweitens ein unschuldiges Mädchen in ihrer Tugend gekränkt.
Der erste Punkt der Anklage schloß auch einen zweiten in sich, einen sehr empfindlichen: seine Unfähigkeit als poetische Intelligenz. Er wollte mehr, als er konnte. Er war unzufrieden mit seiner Stellung, die Natur und Gesellschaft ihm angewiesen hatten. Aber (jetzt begann die Selbstverteidigung, nachdem sich das Blut von der Abendkühle beruhigt hatte) man wurde ja immer in der Schule ermahnt, emporzustreben; man sprach ja lobend von emporstrebenden Naturen; damit erklärte man ja das Mißvergnügen mit der zufälligen Stellung für berechtigt. Ja, aber (da kam die Geißel) er hatte ja durch Betrug weiterkommen wollen. Durch Betrug! Dagegen gab es keine Berufung! Er schämte sich. Er war entkleidet, entlarvt; konnte seinen Rückzug nicht decken. Durch Mogelei, Falschheit, Betrug! So war es.
Der älteste Beschreiber Japans erzählt von einem japanischen Mädchen, das buchstäblich vor Scham starb, weil ihr ein natürliches Unglück in einer Gesellschaft passierte. Man kann also vor Scham sterben. Als alter Christ fürchtete Johan am meisten, einen Fehler zu besitzen; und als Mitglied der Gesellschaft hatte er die Furcht, daß dieser Fehler zu sehen sei. Fehler hatte man, das war bekannt, aber es galt für zynisch, sie zu bekennen, denn die Gesellschaft will immer besser scheinen als sie ist. Manchmal aber verlangte die Gesellschaft, man solle bekennen, wenn man Verzeihung erlangen wollte; das war aber nur eine Täuschung, denn die Gesellschaft wollte das Bekenntnis nur, um das Vergnügen der Strafe zu genießen. Die Gesellschaft war sehr trügerisch. Johan hatte sofort bekannt, war bestraft worden, fühlte sich aber doch als Missetäter.