Er war wie ein bestrafter Mensch. Bestraft für eine Lüge, die man im Hause so verabscheute, und für Diebstahl, ein Ausdruck, der nicht einmal genannt werden durfte. Hatte sein bürgerliches Ansehen verloren, war eine verdächtige Person; wurde von den Geschwistern verhöhnt, daß er sich habe ertappen lassen.

Und das alles mit seinen Folgen, die für ihn volle Wirklichkeit hatten, beruhte auf etwas, das nicht vorhanden war: das war seine Schuld.


Es herrschte nicht gerade Armut im Hause, aber Übervölkerung. Kindtaufe, Begräbnis, Kindtaufe, Begräbnis. Zuweilen zwei Taufen ohne Begräbnis dazwischen. Das Essen wurde streng eingeteilt und war nicht gerade kräftig; Fleisch gab es nur Sonntags. Trotzdem wuchs Johan doch tüchtig und war seinem Alter voraus.

Er wurde jetzt zum Spielen auf den Hof gelassen. Es war ein gepflasterter Brunnen wie gewöhnlich, in den die Sonne niemals kam. Die Schatten blieben über dem ersten Stockwerk stehen, weiter reichten sie nicht. Ein großer Müllkasten, der einer alten Kommode mit Klappe glich, geteert, aber aufgesprungen, stand auf vier Füßen an der Wand. Spül- und Mülleimer wurden hier ausgegossen, und aus den Rissen rann eine schwarze Sauce auf den Hof. Große Ratten hielten sich unter dem Kasten auf und guckten dann und wann hervor, um in den Keller zu fliehen. Holzställe und Aborte begrenzten die eine Hofseite. Da war schlechte Luft, Feuchtigkeit und kein Licht. Sein erster Versuch, den Sand zwischen den großen Feldsteinen aufzugraben, wurde von dem mürrischen Verwalter unterbrochen. Der hatte einen Jungen. Johan spielte mit ihm, fühlte sich ihm gegenüber aber nie recht sicher. Der Junge war ihm an körperlicher Stärke und geistigem Verstand unterlegen, wußte sich aber immer bei Zwistigkeiten auf seinen Papa, den Verwalter, zu berufen. Seine Überlegenheit bestand darin, eine Autorität auf seiner Seite zu haben.

Der Baron im Erdgeschoß hatte eine Treppe, deren Geländer aus Eisen waren. Das war ein hübscher Ort zum Spielen, aber jeder Versuch, auf das Geländer hinauf zu klettern, wurde von einem herausstürzenden Bedienten vereitelt.

Auf die Straße zu gehen, war streng verboten. Blickte er aber durch den Torweg und nach dem Kirchhof hinauf, hörte er Kinder dort spielen. Er verlangte nicht danach, dabei zu sein, denn ihm war bange vor den Kindern. Wenn er die Gasse hinuntersah, erblickte er das Wasser der Klarabucht und die Waschbrücken. Das sah neu und geheimnisvoll aus, aber er fürchtete sich vor dem See. An stillen Winterabenden hatte er Notschreie von Ertrinkenden gehört, die in den Mälarsee gegangen waren. Das geschah recht oft. Man saß um die Lampe in der Kinderstube. — Still! sagte eine der Mägde. Alle lauschten. Lange, anhaltende Rufe waren zu hören. — Es ertrinkt jemand, sagte einer. Man lauschte, bis es wieder still wurde. Dann wurden Geschichten von Ertrinkenden erzählt.

Die Kinderstube lag nach dem Hof hinaus, und von deren Fenster sah man ein Blechdach und einige Dachkammern. In denen standen alte abgelegte Möbel und anderes Hausgerät. Diese Möbel ohne Menschen wirkten unheimlich. Die Mägde sagten, es spuke dort. — Was ist das, spuken? Das konnten sie nicht sagen, aber ungefähr war es, daß tote Menschen umgingen.

So wurde Johan von den Mägden erzogen, und so werden wir alle von der Unterklasse erzogen. Das ist ihre unwillkürliche Rache, daß sie unsern Kindern unsern abgelegten Aberglauben geben. Dieser Umstand ist es vielleicht, der die Entwicklung in so hohem Grade aufhält, wenn er auch den Klassenunterschied etwas ausgleicht. Warum gibt die Mutter diese wichtigste Aufgabe aus der Hand, während sie doch vom Vater unterhalten wird, um die Kinder zu erziehen? Nur zuweilen betete Johans Mutter das Abendgebet mit ihm, meistens aber war es das Kindermädchen. So hatte dieses ihn ein altes katholisches Gebet gelehrt, das lautete: „Ein Engel ging um unser Haus, er trug zwei goldne Lichter voraus...‟

Wenn es der Traum des Menschen ist, sich von Arbeit zu befreien, so scheint die Frau durch die Ehe diesen Traum verwirklicht zu haben. Darum steht die Familie als soziale Einrichtung der Herde sehr nahe: Männchen, Weibchen und Junge; und nicht eine Stufe über der Horde, da die Sklaven (Diener) hinzugekommen sind. Darum wird man für die Familie (Speiseanstalt) erzogen und nicht für die Gesellschaft, wenn man überhaupt erzogen wird.