Die andern Zimmer lagen nach dem Klarakirchhof hinaus. Über den Linden erhob sich das Schiff der Kirche wie ein Berg, und auf dem Berge saß der Riese mit dem kupfernen Hut, der einen nie ruhenden Lärm vollführte, um den Lauf der Zeit anzugeben. Der schlug Viertel im Diskant und Stunden im Baß. Der läutete Frühgebet um vier Uhr mit einer kleinen Glocke, er läutete Morgengebet um acht Uhr, er läutete Abend um sieben Uhr. Der schlug zehn Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags. Der tutete alle Stunden von zehn bis vier Uhr nachts. Der läutete mitten in der Woche bei Begräbnissen, und jetzt während der Cholerazeit läutete er oft. Und Sonntags, o, da läutete er so, daß die ganze Familie weinerlich aussah und niemand hörte, was der andere sagte.

Das Tuten nachts, wenn Johan wach lag, war sehr unheimlich. Am schlimmsten aber war die Feuerglocke. Als er diesen tiefen dumpfen Klang zum ersten Male in der Nacht hörte, bekam er Schüttelfrost und weinte. Das Haus wachte immer auf. — Es brennt! flüsterte einer. — Wo ist es? Man zählte die Schläge und dann schlummerte man wieder ein; Johan aber schlief nicht. Er weinte. Da konnte Mutter aufstehen, ihm die Decke ordentlich zustopfen und sagen: — Sei nicht bange, Gott behütet die Unglücklichen schon! — Das hatte er bisher von Gott nicht gedacht.

GROSSVATER ZACHARIAS STRINDBERG
Major der Bürgerwehr, dramatischer Schriftsteller
1758-1828
Nach einem Ölbild von Professor Sandberg

Morgens lasen die Mägde im Blatt, es habe im Süden der Stadt gebrannt und zwei Menschen seien im Feuer umgekommen. — Dann war es Gottes Wille, sagte Mutter.

Sein erstes Erwachen zum Leben wurde immer von Läuten und Tuten begleitet. In alle seine ersten Gedanken und Wahrnehmungen läuteten Begräbnisglocken hinein, und sein ganzes erstes Lebensjahr wurde mit Viertelschlägen abgemessen. Heiter machte ihn das wenigstens nicht, wenn es auch seinem künftigen Nervenleben keine bestimmte Farbe gab. Doch wer weiß! Die ersten Jahre sind ebenso wichtig, wie die neun Monate vorher.


Mit fünf Jahren kam Johan in den Kindergarten. Er konnte seine Aufgaben und lernte auswendig. Das Zusammenleben mit den kleinen Freunden und Freundinnen löste die häusliche Einförmigkeit ab; der Verkehr mit Altersgenossen aus andern Gesellschaftsklassen erweiterte seine Gedanken, verscheuchte die monotone Kritik an Geschwistern und Eltern, gab Erziehung.

Wenn er, sehr viel später, an diese Zeit dachte, waren nur noch zwei Erinnerungen von Bedeutung ihm geblieben. Die eine, die später sein Erstaunen erregte, war: ein siebenjähriger Knabe sollte in geschlechtlichem Verhältnis zu einem gleichaltrigen Mädchen stehen. Sein Geschlechtsleben war noch nicht erwacht; er wußte also nicht, um was es sich eigentlich handelte; an das Wort, das den Vorgang bezeichnete, erinnerte er sich. Das Vorkommnis soll übrigens nicht so vereinzelt sein, nach dem, was Ärzte in ihren Büchern berichten, und seine eigenen späteren Beobachtungen, die er an Bauernkindern machte, zeigten, daß die Angabe wenigstens glaubhaft war.