Die zweite Erinnerung war diese: Ein Knabe hatte auf seiner Schiefertafel einen alten Mann gezeichnet und darunter geschrieben: Gott. Dafür wurde er bestraft. Dieser Knabe, der schon Gebete konnte und den Katechismus gelernt, hatte also keine höhern Begriffe von dem höchsten Wesen erworben als den, der durch die Gott Vater vorstellende, den Zehn Geboten vorgedruckte Figur dargestellt wird. Der rechte Gottesbegriff scheint also nicht angeboren zu sein. Wenn er durch die Erziehung erworben werden soll, müßte das offizielle Lehrbuch nicht so niedrige Vorstellungen von einem alten Mann erwecken, der sich nach einer Arbeit von sechs Tagen ausruhen mußte.
Die Erinnerungen der Kindheit zeigen alle, wie zuerst die Sinne erwachen und die lebhaftesten Eindrücke aufsaugen, wie der geringste Hauch die Gefühle in Bewegung setzt; wie später sich die Beobachtungen hauptsächlich auf grelle Ereignisse richten, zuletzt auf moralische Verhältnisse, Gefühl von Recht und Unrecht, Gewalt und Barmherzigkeit.
Die Erinnerungen liegen ungeordnet, ungestaltet gezeichnet wie die Bilder im Thaumatrop; dreht man aber die Scheibe, so schmelzen sie zusammen und bilden ein Bild; ob nun bedeutungslos oder bedeutungsvoll.
Eines Tages sieht er große bunte Bilder von Kaisern und Königen in blau und roten Uniformen, welche die Mägde in der Kinderstube angebracht haben. Er sieht ein anderes Bild, das ein Gebäude vorstellt, das in die Luft gesprengt wird und voller Türken ist. Er hört aus einer Zeitung vorlesen, wie man mit brennenden Kugeln in Städte und Dörfer schießt, in einem entfernten Lande; erinnert sich sogar an Einzelheiten: die Mutter weinte, als von armen Fischern gelesen wird, die mit ihren Kindern aus den brennenden Hütten heraus mußten. Diese Bilder bedeuteten: Kaiser Nikolaus und Napoleon der Dritte, die Stürmung Sewastopols und die Beschießung der finnischen Küste.
Vater ist einen ganzen Tag zu Hause. Man stellt alle Trinkgläser des Haushalts auf die Fensterbänke; füllt die Gläser mit Schreibsand und steckt Stearinlichter hinein. Abends werden alle Lichter angezündet. Es ist warm und hell in den Zimmern. Und Lichter brennen in der Klaraschule und in der Kirche und im Pfarrhaus. Und Musik ist aus der Kirche zu hören. Was war das? Das war die Illumination bei der Genesung König Oscars des Ersten.
Großer Lärm in der Küche. Die Flurglocke hat geläutet, und Mutter ist hinausgerufen worden. Da steht ein Mann in Uniform mit einem Buch in der Hand und schreibt. Die Köchin weint, die Mutter bittet und spricht laut; aber der Mann im Helm spricht noch lauter.
Das ist die Polizei!
Die Polizei, heißt es in der ganzen Wohnung. Die Polizei. Und es wird den ganzen Tag von der Polizei gesprochen. Der Vater wird aufs Polizeirevier gerufen. Soll er verhaftet werden? Nein, er soll drei Reichstaler und sechzehn Schillinge bezahlen, weil die Köchin am Tage einen Aufwascheimer in den Rinnstein gegossen hat.
Eines Nachmittags sieht er, wie man unten auf der Straße die Laternen ansteckt. Eine der Kusinen macht ihn darauf aufmerksam, daß sie ohne Öl und Docht brennen, nur mit einer Metallröhre. Das sind die ersten Gaslaternen.