Er liegt viele Nächte zu Bett, ohne am Tage aufzustehen. Er ist müde und schläfrig. Ein gestrenger Herr kommt ans Bett und sagt, er müsse die Hände unter der Decke halten. Er muß mit einem Löffel etwas Unangenehmes einnehmen; bekommt nichts zu essen. Man flüstert im Zimmer und Mutter weint. Dann ist er wieder aufgestanden und sitzt am Fenster in der Schlafstube. Es läutet den ganzen Tag. Grüne Bahren werden über den Kirchhof getragen. Ein dunkler Knäuel Menschen steht um einen schwarzen Kasten. Totengräber mit ihren Spaten kommen und gehen. Er muß eine Kupferplatte an einem blauen Seidenband auf der Brust tragen und den ganzen Tag an einer Wurzel kauen. Das ist die Cholera von 1854.
Eines Tages geht er mit einer der Mägde weit fort. So weit geht er, daß er Heimweh bekommt und nach der Mama weint. Das Mädchen geht mit ihm in ein Haus. Sie sitzen in einer dunkeln Küche neben einer grünen Wassertonne. Er glaubt, sie werden nie mehr wieder nach Hause kommen. Aber sie gehen noch weiter. An Schiffen und Prahmen vorbei, an einem unangenehmen Hause aus Backsteinen mit langen hohen Mauern vorüber, in dem Gefangene sitzen. Er sieht eine neue Kirche, eine lange Allee von Bäumen, eine staubige Landstraße, an deren Seiten Kuhblumen stehen. Jetzt trägt das Mädchen ihn.
Schließlich kommen sie an ein großes Haus aus Stein; neben dem steht ein gelbes Haus aus Holz, das ein Kreuz trägt; und ein großer Hof liegt da mit grünen Bäumen. Sie sehen weißgekleidete Menschen, die blaß sind, hinken, trauern. Sie kommen in einen großen Saal hinauf, in dem braungestrichene Betten stehen. In den Betten liegen nur alte Frauen. Die Wände sind weißgetüncht, die alten Frauen sind weiß, das Bettzeug ist weiß. Und es riecht schlecht. Sie gehen an einer Menge Betten vorbei und bleiben mitten im Saal an einem Bett rechter Hand stehen. Da liegt eine jüngere Frau mit schwarzem gekräuselten Haar, in weißer Nachtjacke. Sie liegt halb auf dem Rücken. Ihr Gesicht ist abgemergelt, sie hat ein weißes Tuch über Kopf und Ohren. Ihre mageren Hände sind zur Hälfte mit weißen Lappen umwunden, und die Arme schwingen unaufhörlich im Bogen nach innen, so daß die Fingerknöchel sich aneinander reiben. Als sie das Kind erblickt, schlottern Arme und Knie heftig, und sie bricht in Tränen aus. Sie küßt den Jungen auf den Kopf. Dem ist nicht wohl zumute; er ist schüchtern und dem Weinen nahe. — Kennst du Christel nicht wieder? fragt sie. — Er muß es wohl nicht. Und dann trocknet sie wieder ihre Augen. — Sie beschreibt nun dem Mädchen ihre Leiden, und diese holt aus einem Arbeitsbeutel Eßwaren. Die alten Frauen beginnen jetzt halblaut zu plaudern, und Christel bittet das Mädchen, nicht zu zeigen, was es im Beutel hat, denn sie seien so neidisch, die andern. Und darum schmuggelt das Mädchen einen gelben Reichstaler in das Gesangbuch, das auf dem Nachttisch liegt.
Die Zeit wird dem Knaben lang. Sein Herz sagt ihm nichts; nicht, daß er das Blut dieser Frau, das einem andern gehörte, getrunken; nicht, daß er seinen besten Schlaf an diesem jetzt eingesunkenen Busen geschlafen; nicht, daß diese schlotternden Arme ihn gewiegt, ihn getragen haben. Das Herz sagt ihm nichts; denn das Herz ist nur ein Muskel, der Blut pumpt, einerlei, aus welchem Brunnen.
Als er aber beim Abschied ihre letzten brennenden Küsse empfangen hat und endlich, nachdem er sich vor den alten Frauen und der Krankenpflegerin verbeugt hat, aus der Krankenluft herausgekommen ist und unter den Bäumen auf dem Hofe Atem holt, fühlt er eine Schuld; eine schlecht angelegte Schuld, die er nicht anders bezahlen kann als mit ewiger Dankbarkeit und etwas Essen in einem Beutel und einem Reichstaler im Gesangbuch. Und er schämt sich, daß er froh ist, von den braungestrichenen Betten des Leidens fortzukommen.
Das war seine Amme, die fünfzehn Jahre unter Krämpfen und Ausmergelung in demselben Bette lag, bis sie starb. Sein Bild mit der Gymnasiastenmütze wurde ihm von der Leitung des Krankenhauses am Sabbatsberg zurückgesandt. Lange Jahre hatte es dort gehängt, nachdem der erwachsene Jüngling schließlich nur einmal im Jahr ihr eine Stunde unbeschreiblicher Freude geopfert, die für ihn eine Stunde leichter Gewissensqual war. Wenn er auch von ihr Brand ins Blut, Krampf in die Nerven bekommen hatte, empfand er doch eine Schuld, eine repräsentative Schuld, denn persönlich war er ihr nichts schuldig, da sie ihm nichts anderes geschenkt hatte, als was sie verkaufen mußte. Daß sie gezwungen war, ihr Blut zu verkaufen, war das Verbrechen der Gesellschaft. Und als Mitglied der Gesellschaft fühlte er sich gewissermaßen mitschuldig.
Auf dem Kirchhof ist er zuweilen. Da ist ihm alles fremd. Steinerne Keller mit Deckeln, die Buchstaben und Figuren tragen; Rasen, auf den man nicht treten darf; Bäume mit Laub, das man nicht anrühren darf. Großmutter bricht eines Tages einen Zweig ab, aber da kommt die Polizei.
Das große Gebäude, gegen dessen Fundament er immer anstößt, versteht er nicht. Leute gehen aus und ein; Gesang und Musik sind von innen zu hören; die Glocken läuten, und die Uhr schlägt. Es ist geheimnisvoll. Und auf dem östlichen Giebel sitzt ein Fenster, das ein vergoldetes Auge hat. — Das ist Gottes Auge! — Das versteht er nicht, aber es ist jedenfalls ein sehr großes Auge, das weit sehen muß.
Unter dem Fenster ist ein vergittertes Kellerloch. Großmutter zeigt dem Knaben, daß dort unten weiße Särge stehen. — Dort wohnt die Nonne Klara. — Wer war das? — Das weiß er nicht, aber es war wohl ein Gespenst.