Er steht in einem außerordentlich großen Raum und weiß nicht, wo er zu Hause ist. Es ist sehr schön; alles in Weiß und Gold. Eine Musik, wie von hundert Klavieren, singt über seinem Kopf, aber er sieht weder die Instrumente noch den Spielmann. In langer Allee stehen Bänke da und ganz vorn ist ein Gemälde, wahrscheinlich aus der biblischen Geschichte. Zwei weiße Menschen liegen auf den Knien und haben Flügel, und da stehen große Leuchter. Das ist wahrscheinlich der Engel mit den beiden vergoldeten Lichtern, „der um unser Haus geht‟. Und dort steht ein Herr in rotem Rock und kehrt einem still den Rücken zu. In den Bänken beugen sich die Menschen nieder, als ob sie schliefen. — Nehmt die Mützen ab, sagt der Oheim und hält den Hut vors Gesicht.

Die Knaben sehen sich um und erblicken dicht neben sich einen braungestrichenen ungewöhnlichen Schemel, auf dem zwei Männer in grauen Mänteln und Kapuzen liegen; sie haben eiserne Ketten an Händen und Füßen, und Gardisten stehen neben ihnen.

— Das sind Diebe, flüstert der Oheim.

Der Knabe findet es unheimlich, unerklärlich, ungewöhnlich, streng, auch kalt. Das finden die Brüder sicher auch; denn sie bitten den Oheim, gehen zu dürfen, und er geht sofort.

Unbegreiflich! Das ist sein Eindruck von dem Kultus, der die einfachen Wahrheiten des Christentums malen soll. Grausam! Grausamer als Christi milde Lehre. Das mit den Dieben war am schlimmsten. Eiserne Ketten und solche Mäntel!


Eines Tages, als die Sonne warm scheint, ist Unruhe im Hause. Möbel werden gerückt, Schubladen geleert, Kleider verstreut. Am nächsten Morgen kommt eine Droschke und holt sie. Und dann reist man; die einen auf Ruderbooten, die andern in der Droschke.

Am Hafen riecht es nach Öl, Talg und Steinkohlenrauch. Die frischgestrichenen Dampfer leuchten in glänzenden Farben und ihre Flaggen wehen. Karren rasseln an den großen Linden vorbei; das gelbe Reithaus liegt staubig und schäbig neben dem Holzschauer. Er soll auf dem Wasser fahren. Erst aber begrüßen sie den Vater in seinem Kontor.

Der Knabe ist erstaunt, einen fröhlichen, rüstigen Mann zu treffen, der mit braungebrannten Dampferkapitänen scherzt, freundlich und wohlwollend lächelt. Ja, er ist sogar jugendlich und hat einen Pfeilbogen, mit dem die Kapitäne nach dem Fenster des Reithauses zu schießen pflegen. Es ist eng im Kontor, aber sie dürfen hinter die grüne Schranke kommen und hinter einer Gardine ein Glas Porter trinken. Die Buchhalter sind höflich, achtsam, wenn der Vater sie anspricht. Johan hatte den Vater noch nie in seiner Tätigkeit gesehen; nur zu Hause als den müden und hungrigen Familienversorger und Richter, der lieber mit neun Personen in drei Zimmern wohnte als allein in zweien. Er hatte nur den beschäftigungslosen, essenden, zeitunglesenden Vater bei seinen nächtlichen Besuchen im Hause gesehen, nicht den Mann in seinem Tätigkeitskreis. Er bewunderte ihn, fühlte aber, daß er ihn auch jetzt weniger fürchtete; ja er glaubte, daß er ihn einst werde lieben können.

Er hat Furcht vor dem Wasser, aber ehe er sich's versieht, sitzt er in einem ovalen Zimmer in Weiß und Gold, mit roten Samtsofas. Ein so feines Zimmer hatte er noch nie gesehen. Aber alles klirrt und zittert. Er sieht durch ein kleines Fenster und erblickt grüne Ufer, blaugrüne Wellen; Heukähne und Dampfer ziehen vorbei. Es ist wie ein Panorama oder so, wie das Theater sein soll. Auf den Ufern marschieren kleine rote Häuser und weiße, vor denen grüne Bäume mit Blütenschnee stehen; große grüne Flächen mit roten Kühen ziehen vorbei, ganz wie in den Weihnachtsschachteln. Die Sonne macht eine Schwenkung und der Dampfer fährt unter Bäumen mit gelben Fransen und braunen Raupen hindurch, an Landungsbrücken mit bewimpelten Segelbooten; an Hütten, vor denen Hühner picken und ein Hund bellt, vorbei. Die Sonne scheint auf Fensterreihen, die auf dem Boden liegen, und alte Männer und Frauen geben mit Gießkannen und Harken umher. Dann kommen wieder lauter grüne Bäume, die sich aufs Wasser neigen, gelbe und weiße Badehäuser. Ein Kanonenschuß knallt über seinem Kopfe, das Pochen und Zittern hört auf; die Ufer machen Halt; er sieht eine Mauer über seinem Kopfe und Hosen und Röcke von Menschen, sowie eine Menge Schuhe. Er wird die Treppe hinaufgeführt, die ein goldenes Geländer hat, und er sieht ein großes, großes Schloß.