Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt, saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen. Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann, der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger, der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute sich der junge Sünder, der das Pack haßte.
— Jetzt sind wir Herren, sagte er.
Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht, zu widersprechen.
Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und schauten sich die Aussicht an.
Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren. Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß, geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl, aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach. So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit Betten, aber eine Waschschüssel war nicht zu sehen; die Wände hatten keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu; bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten rochen.
Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden. Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei Tage.
Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich einen Teller Suppe.
— Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen, während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.
Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück, wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen, die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daß die Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun. Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die Professorenherrschaft, dann wird Upsala — nein, nicht die Professoren! Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.