Johan stand in der Kulisse und hörte das ganze Stück. Maria Stuart liebte er nicht, sie war grausam und gefallsüchtig; Bothwell war zu roh und stark; Darnley, der schwache hamletartige Mann, der niemals aufhören konnte, diese Frau zu lieben, der vor Liebe verbrannte, trotz allem, trotz Untreue, Hohn, Bosheit: den liebte er. Und dann Knox. Hart wie Stein mit seiner sittlichen Forderung und seinem furchtbaren norwegischen Christentum.

Es war doch etwas, vorzutreten und im Kleide solcher Persönlichkeiten ein Stück Geschichte zu durchleben. Es war feierlich, wie früher in der Kirche. Nachdem er seine Rolle gesagt hatte, ging er, entschlossen, alles zu ertragen — für die heilige Kunst!


Der Schritt war also getan. An den Vater hatte er einen exaltierten Brief geschrieben und versprochen, er werde entweder etwas Großes auf dieser Laufbahn werden, die er jetzt betreten, oder sich wieder zurückziehen. Er hatte sich gelobt, nicht nach Hause zu gehen, bis er Erfolg gehabt. Der Doktor war traurig, aber schlug keinen Lärm, denn er sah ein, daß es unmöglich war, ihn zurückzuhalten. Aber er hatte andere geheime Pläne zur Rettung, die er jetzt ins Werk zu setzen begann. Zuerst hatte er Johan bewogen, einige medizinische Broschüren zu übersetzen, für die er einen Verleger gefunden. Jetzt kam er mit dem Vorschlag, sie sollten zusammen Artikel im „Abendblatt‟ schreiben. Johan hatte für sich Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt‟ übersetzt; da die Theaterfrage jetzt im Reichstag behandelt worden war, schrieb der Doktor eine Einleitung, in der er den Bauern ernstlich ihre Kulturfeindlichkeit vorhielt; so kam der Artikel in die Zeitung.

Eines andern Tages kam der Doktor mit einem Heft der medizinischen Zeitschrift „The Lancet‟, das die Frage behandelte, ob die Frau zur Ärztin tauglich sei. Ohne zu zögern, auf sein bloßes Gefühl hin, erklärte sich Johan gegen die Bewegung. Er hatte eine unbeschreibliche Ehrerbietung vor der Frau als Weib, Mutter, Gattin; aber die Gesellschaft war, wie sie einmal war, auf den Mann als Familienversorger und die Frau als Gattin und Mutter aufgebaut; also besaß der Mann seinen Arbeitsmarkt mit vollem Recht und allen Pflichten, die sich daraus ergaben. Jede dem Manne genommene Arbeit wäre entweder eine Ehe weniger oder ein hart bedrängter Familienvater mehr, denn der Trieb zur Ehe lag so tief beim Manne, daß er nie aufhören würde, sich zu verheiraten, wenn die Not auch noch so groß sei. Übrigens hatte das Weib seinen großen Arbeitsmarkt für sich: es konnte Magd, Haushälterin, Näherin, Gouvernante, Lehrerin, Schauspielerin, Künstlerin, Schriftstellerin, Königin, Kaiserin werden, vor allem Gattin und Mutter. Aber die Unverheirateten? Für die reichte eben der Arbeitsmarkt des Weibes. Es handelte sich also um einen Eingriff in die Rechte des Mannes. Wollte die Frau in das Gebiet des Mannes eindringen, so mußte der Mann auch von der Pflicht, die Familie zu versorgen, befreit werden; durfte man die Vaterschaft nicht ermitteln. Das aber wollte man nicht. Man begann im Gegenteil eine Jagd auf die prostituierten Frauen, um dadurch den Mann zur Ehe zu treiben; durch das Besitzrecht der verheirateten Frau gefesselt, würde der dann zum Haussklaven herabsinken.

Dieses verwickelte Problem, das erst in vieljähriger Arbeit zu entwirren war, nahm Johan instinktiv und schrieb gegen die Bewegung, in der er den Untergang des Mannes sah. Die Frauenemanzipation hatte in den fünfziger Jahren die wildesten Formen angenommen: der Feldruf „Keine Herren, keine Herren‟ bezeichnete den wahren Charakter der Bewegung, die auch in einer Komödie von Rudolf Wall, genannt „Fräulein Garibaldi‟, lächerlich gemacht wurde. Aber während die Jahre vergingen, hatten die Damen im stillen gearbeitet.

Groß war deshalb die Überraschung sowohl des Doktors wie Johans, als sie ihren Artikel im „Abendblatt‟ sahen, aber so geändert, daß er für die Bewegung sprach.

— Der Redakteur ist in den Händen von Frauen, sagte der Doktor; damit war die Sache erklärt.