Beim Theater ging es abwärts und der Krisis zu. Johan war in eine Garderobe, in der man Branntwein trank und es unsauber war, geschickt worden, um sich zusammen mit Statisten anzuziehen.
— Sie wollen mich ducken, dachte er; aber nur Geduld.
Jetzt wurde er ganz einfach als Statist für die eine Oper nach der andern befohlen. Er erklärte, er fürchte weder Rampe noch Publikum, da er in der Kirche gepredigt habe. Es half nicht. Aber das Schlimmste war, stundenlang auf Proben herumzulungern, ohne etwas zu tun. Las er dann ein Buch, mußte er hören, er habe kein Interesse. Ging er fort, schlug man Lärm.
In der Schauspielerschule wurden jetzt Rollen gelernt. Kinder, die nur die Kleinkinderschule durchgemacht hatten, mußten Goethes Faust lesen, natürlich, ohne etwas zu begreifen. Aber merkwürdig, ihre Unerschrockenheit rettete sie; ja, sie kamen so gut weiter, daß man denken könnte, der Schauspieler brauche eigentlich nicht zu begreifen, wenn es nur so klinge.
Nach einigen Monaten hatte Johan alles satt. Das war Handwerk. Die größten Schauspieler waren müde und gleichgültig, sprachen nie von Kunst, nur von Engagement und Spielhonorar. Keine Spur von dem frohen Leben hinter den Kulissen, von dem man soviel geschrieben hatte. Still wie Arbeiter saßen sie da und warteten auf ihr Stichwort; Tänzerinnen und Chorsängerinnen saßen in ihren Kostümen da und nähten und stickten. Im Foyer ging man auf Zehen, sah nach der Uhr, putzte den falschen Bart, aber sagte kein Wort.
Eines Abends, als Björnsons „Maria Stuart‟ gegeben wurde, saß Johan allein im Foyer und las eine Zeitung. Dahlqvist, der John Knox spielte, kam herein. Johan, der den großen Schauspieler grenzenlos verehrte, stand auf und verbeugte sich. Wenn er mit solch einem Manne sprechen könnte! Bei dem Gedanken zitterte er. Knox mit seinem herrlichen weißen langen Haar, seiner schwarzen Tracht und den halberloschenen großen Augen in dem gewaltigen, jetzt in Falten liegenden Gesicht ließ sich am Tische nieder. Er gähnte.
— Was ist die Uhr? fragte er mit Grabesstimme.
Johan antwortete, es sei halb zehn, während er seine burgundische Sammetjacke aufknöpfte, um die Uhr zu suchen, die nicht vorhanden war.
— Das geht ja heute verflucht langsam, sagte Knox und gähnte wieder. Dann begann er über verschiedenen Klatsch zu plaudern. Es war nur eine Ruine der früheren Größe, die einst ihre Neider gezähmt hatte, als er Karl Moor gab. Auch er hatte alles durchschaut, auch er hatte alles satt. Und er hatte doch einst so hoch von seiner Kunst gedacht!