Am nächsten Morgen ging er in einen Laden und kaufte die Morgenzeitung. Er schlug sie auf und las: das Stück habe eine schöne Sprache und sei (da es anonym gegeben) wohl von einem bekannten Kunstkritiker verfaßt, der die Künstlerwelt Roms gut studiert habe. Das war artig und hob seine Stimmung.
Um die Mittagszeit fuhr er nach Upsala. Der Vater hatte ihn dort bei der Witwe eines Geistlichen in Pension gegeben, damit er unter richtiger Aufsicht seine Studien vollende.
20.
„Zerrissen‟.
(1870)
Dadurch, daß Johan in eine Pension kam, hatte er sofort einen großen, täglichen, reichen Verkehr. Vielleicht allzu reich. Da waren Studenten jedes Alters, jedes Faches, aus allen Provinzen. Vom älteren Theologen, der sich auf die letzte Prüfung vorbereitete, bis zu jungen Medizinern und Juristen hinab. Auch Damen wohnten im Hause, aber Johan war jetzt, zum achten Male, verliebt, und wieder in eine Unerreichbare, die verlobt war. Der reiche Verkehr überlud das Gehirn mit Eindrücken aus allen Kreisen; die Persönlichkeit wurde schlaff, da sie sich andern anpassen mußte, zerrissen durch dieses Unterhandeln über Ansichten, das der Verkehr zur Folge hat. Außerdem wurde viel getrunken, beinahe jeden Abend.
An einem der ersten Tage kam die Kritik der Abendzeitungen über Johans Stück zum Vorschein. Die eine war sehr scharf. Sie war gerecht, und gerade darum traf sie Johan ganz furchtbar. Er fühlte sich entkleidet und durchschaut. Der Dichter habe seine unbedeutende Person hinter einem großen Namen (Thorwaldsens) versteckt, aber das Kostüm kleide ihn nicht. Und so weiter. Er war ganz bankerott. In solcher Not sucht man sich selber zu verteidigen; er stellte Vergleiche an mit andern schlechten Stücken, die derselbe gestrenge Herr gelobt hatte. Da fand er die Behandlung ungerecht. Ja, von diesem Gesichtspunkt war sie auch ungerecht; das heißt, beim Vergleich, aber für sich allein war sie gerecht. Das Stück wurde nicht besser, weil der Kritiker schlechter wurde.
Johan wurde scheu und wild. Dazu kam, daß sich die Landsmannschaft in einer Bierzeitung über ihn und sein Stück lustig gemacht hatte. Er glaubte überall Hohn und Grinsen zu lesen und suchte auf seinen Wegen Hinterstraßen auf.
Dann aber kam noch ein Schlag, der noch härter war. Ein Freund hatte im eignen Verlag eins seiner ersten Stücke, den „Freidenker‟, drucken lassen. Und während einer Abendstunde bei Rejd kommt ein Bekannter mit der verhaßten Abendzeitung hinauf. Darin stand ein höhnischer Artikel über das gedruckte Stück; es wurde verspottet und verrissen. Johan ward gezwungen, den Artikel in Gegenwart der Kameraden zu lesen. Er mußte, gegen seinen Willen, zugeben, daß der Kritiker nicht ganz unrecht habe; aber es erregte ihn furchtbar.
Warum ist es so schwer, die Wahrheit von andern zu hören, während man doch so streng gegen sich selbst sein kann? Wahrscheinlich weil die gesellschaftliche Maskerade jeden davor bange macht, demaskiert zu werden; wahrscheinlich auch, weil damit Verantwortung und Unannehmlichkeiten verknüpft sind. Man fühlt sich überlistet, geprellt. Der da in Ruhe dasitzt und entlarvt, würde sich ebenso durchgepeitscht und bloßgestellt fühlen, wenn seine Geheimnisse verraten würden. Das Zusammenleben ist ein falsches Spiel, aber wer will entdeckt werden! In einsamen Stunden, wenn die Vergangenheit unbestechlich vor einem auftaucht, bereut man nicht seine Fehler, sondern seine Dummheiten und notgedrungenen Grausamkeiten. Die Fehler mußten vorhanden sein, die Notwendigkeit rief sie hervor, sie brachten Nutzen; aber die Dummheiten schadeten nur, die hätte man nicht machen sollen.