Damit zollt der Mensch der Intelligenz eine größere Ehre als der Moral, weil die erste eine Wirklichkeit ist, die letzte ein Gedicht. Darum ist auch das moralische Streben unserer Zeit eine Bewegung der Oberklasse, mit der man die vorwärtsstürmenden Massen aufhalten will.
Johan empfand dieselben Schmerzen, die nach seiner Meinung ein Verbrecher fühlt. Er wurde angetrieben, so schnell wie möglich den Eindruck seiner Dummheit zu verwischen. Aber er fühlte auch, etwas Unrecht war ihm geschehen, da man ihn ganz und gar als Talent verurteilt hatte, während sein Erzeugnis ein Jahr alt, er selbst also ein Jahr reifer war. Aber das war nicht die Schuld des Kritikers. Es bestand ein Mißverhältnis zwischen dem Urteil und dem Corpus delicti.
Johan warf sich jetzt auf ein Trauerspiel, das unter dem Titel „Der Opferdiener‟ in künstlerischer Form das Christentum behandeln und dasselbe Problem und dieselben Konflikte lösen sollte. Unter künstlerischer Form verstand man damals, daß die Handlung in einer vergangenen Zeit spielte, damit die bloße stoffliche Wirkung vermieden würde. Von Öhlenschläger und den isländischen Sagen, die er jetzt in der Ursprache gelesen hatte, beeinflußt, schrieb er.
Sein Gewissen aber machte ihm sehr zu schaffen, denn sein Vater hatte ihm das Versprechen abgenommen, daß er nicht schreiben würde, bis er sein Examen gemacht. Es war also ein Betrug, Vaters Unterhalt zu genießen und dessen Bedingungen nicht zu erfüllen. Aber er betäubte die Bedenken, indem er sich sagte: Vater wird schon zufrieden sein, wenn sich ein großes und schnelles Ergebnis zeigt. Und damit hatte er nicht so unrecht.
Aber andere, neue Elemente kommen jetzt in sein Leben und wirken entscheidend auf seine Gemütsverfassung wie auf seine Arbeit. Es waren zwei Bekanntschaften: ein Schriftsteller und eine Persönlichkeit. Leider waren beide Ausnahmeerscheinungen, störten deshalb seine Entwicklung nur.
Der Schriftsteller war Sören Aaby Kierkegaard. Dessen „Entweder — oder‟ hatte Johan von einem Bundesbruder erhalten und las es mit Furcht und Beben. Die Kameraden hatten es auch gelesen und genial gefunden, hatten den Stil bewundert, sich aber nicht weiter davon beeinflußt gefühlt; ein Beweis, daß Bücher schwerlich wirken, wenn sie nicht Leser finden, die mit dem Autor verwandt sind. Auf Johan machte es den beabsichtigten Eindruck. Er las „Des Ästhetikers A. ersten Teil‟. War zuweilen hingerissen, fühlte aber stets ein Unbehagen, wie vorm Bett eines Kranken. Als er den ersten Teil hinter sich hatte, war er wirklich leer und verzweifelt, am meisten aber erschüttert.
Das „Tagebuch des Verführers‟ hielt er für die Phantasien eines Impotenten oder geborenen Onanisten, der nie ein Mädchen verlockt hatte. So ging es im Leben nicht zu. Und übrigens war Johan kein Genußmensch, war im Gegenteil zu Askese und Selbstquälerei gekommen; auch war eine solche egoistische Genußsucht wie die A.s unsinnig, weil das Leiden, das er, ohne es zu wollen, durch die Befriedigung seiner Lüste zufügte, ihm selbst Leiden bringen, also seinem Zweck entgegenwirken mußte.
Tiefer drang die „Predigt des Ethikers vom Leben als Pflicht, als Aufgabe‟. Daraus ersah Johan, daß er ein Ästhetiker gewesen, der das Dichten als Genuß aufgefaßt hatte. Als Beruf sollte es genommen werden. Warum? Da versagte der Beweis; und Johan, der nicht wußte, daß Kierkegaard Christ war, sondern das Gegenteil glaubte, denn er kannte seine „Erbaulichen Reden‟ nicht, nahm, ohne es zu merken, die christliche Sittenlehre mit ihrer Opferschuldigkeit und ihrem Pflichtgefühl in sich auf. Damit war der Begriff Sünde wieder da. Genießen war Sünde, seine Pflicht tun war Pflicht. Warum? Der Gesellschaft wegen, der man zu Dank verpflichtet war? Nein, weil es Pflicht war! Das war Kants kategorischer Imperativ ganz einfach.
Als er dann am Ende von „Entweder — oder‟ kam und fand, daß auch der Ethiker, der Sittliche, verzweifelt war; daß die ganze Pflichtlehre nur einen Philister geschaffen, da riß er mitten durch. Nein, dann lieber Ästhetiker! Aber man kann nicht Ästhetiker sein, wenn man fünf Sechstel seines Lebens Christ gewesen ist, und man kann nicht Ethiker sein ohne Christus. So wurde er wie ein Ball zwischen beiden hin- und hergeworfen, und das Ende war sehr richtig die Verzweiflung.