Hätte er nun die „Erbaulichen Reden‟ gelesen, würde er vielleicht dem Christentum einen Schritt näher gekommen sein; vielleicht, denn das zu entscheiden, ist jetzt (1886) schwer; aber Christus zurücknehmen, das hieß einen ausgerissenen Zahn wieder einsetzen, den man mit dem Zahnweh freudig aufs Feuer geworfen hatte. Es wäre auch möglich gewesen, daß er das ganze Buch als eine Jesuitenschrift in die Ecke geschleudert hätte, also gerettet worden wäre, wenn er gewußt hätte, daß „Entweder — oder‟ einen nur zum Kreuz hinpeitschen sollte. So aber entstand nur eine schreiende Disharmonie. Die „Wahl‟ und der „Sprung‟ sollten ausgeführt werden! Aber wie und wohin? Zwischen ästhetisch und ethisch. Es ging hin und her. In den Weltenraum hinaus zum Paradoxon oder Christus konnte er den Sprung nicht tun; das wäre die Vernichtung oder der Wahnsinn gewesen. Aber Kierkegaard predigte den Wahnwitz. War es die Verzweiflung des Überbewußten, daß er immer bewußt ist? War es die Sehnsucht des Durchschauenden nach der Bewußtlosigkeit des Rausches?

Johan hatte wohl den Kampf zwischen seinem Willen und fremdem Willen kennen gelernt. Er hatte dem Vater Kummer gemacht, als er dessen Pläne kreuzte; aber das war gegenseitig; das ganze Leben bestand aus einem Gewebe von einander kreuzenden Willen. Des einen Tod, des andern Brot; nichts Gutes dem einen, ohne etwas Böses dem Übergangenen. Genuß und Leiden, in ewigem Wechsel und Kampf. Seine Sinnlichkeit oder Genußsucht hatten andere nicht gekränkt, andern nicht Kummer verursacht. Er besuchte allgemeine Mädchen, die nichts Höheres wünschten, als sich verkaufen zu können; er hatte niemals eine Unschuld verführt; war niemals gegangen, ohne zu bezahlen. Er war moralisch aus Gewohnheit oder Instinkt, aus Furcht vor den Folgen, aus Geschmack; aus Erziehung; aber gerade daß er sich nicht unmoralisch fühlte, war ein Mangel, eine Sünde. Nach der Lektüre „Entweder — oder‟ fühlte er sich sündig. Der kategorische Imperativ schlich sich an ihn heran unter einem lateinischen Namen und ohne ein Kreuz auf dem Rücken, und er ließ sich anführen. Er sah nicht, daß es zweitausend Jahre Christentum waren, die sich verkleidet hatten.

Kierkegaard würde nicht so tief gegraben haben, wenn nicht eine Menge Umstände gerade damals mitgewirkt hätten. Kierkegaard predigte in den Briefen des Ästhetikers das Leiden als Genuß. Johan litt unter dem öffentlichen Hohn; er litt unter den Schmerzen, die seine schwere Arbeit hervorrief; er litt unter nicht erwiderter Liebe; er litt unter unbefriedigtem Geschlechtstrieb, weil es in Upsala schwer war, Mädchen zu bekommen; er litt unter dem Trinken, denn er war fast jeden zweiten Abend berauscht; er litt in seiner künstlerischen Tätigkeit unter Seelenkämpfen und Zweifeln; er litt unter Upsala und der häßlichen Landschaft; er litt unter der ungemütlichen Wohnung; er litt unter den Prüfungsbüchern; er litt unter dem bösen Gewissen, daß er nicht studierte, sondern schrieb.

Aber all dem lag auch etwas anderes zugrunde. Er war in strenger Arbeit und Pflichterfüllung erzogen. Jetzt lebte er gut, sorglos, genoß eigentlich. Das Studieren war ein Genuß; das Dichten, trotzdem es schmerzte, war ein unerhörter Genuß; das Kameradenleben war lauter Fest und Lustbarkeit. Sein Unterklassenbewußtsein erwachte und sagte ihm, es sei nicht recht, zu genießen, während andere arbeiteten; und seine Arbeit war ein Genuß, denn sie brachte ihm große Ehre ein und vielleicht auch Gold. Daher sein beständiges böses Gewissen, das ihn ohne Ursache verfolgte. Fühlte er jetzt bereits Zeichen dieses erwachenden Bewußtseins von unerhörter Schuld gegen die Unterklasse, die Sklaven, die arbeiteten, während er genoß? Erwachte jetzt bei ihm dunkel dieses Rechtsgefühl, das heute (1886) viele von der Oberklasse so ergriffen hat, daß sie nicht ganz ehrlich erworbene Kapitalien zurückgeben; Arbeit und Zeit der Befreiung der Unterklasse opfern; aus Trieb, aus Gefühl, gegen ihr eigenes Interesse arbeiten, um recht zu tun? Vielleicht!

Kierkegaard war aber nicht der Mann, die Disharmonie zu lösen. Erst den Philosophen der Entwicklungslehre blieb es vorbehalten, zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Genuß und Pflicht Frieden zu stiften. Die sollten das hinterlistige Entweder — oder streichen und das Sowohl — als auch verkünden, dem Fleisch das Seine und dem Geist das Seine geben.

Kierkegaards wirkliche Bedeutung wurde Johan erst viele Jahre später klar, als er in ihm ganz einfach den Pietisten, den Ultrachristen sah, der zweitausend Jahre morgenländische Ideale in einer modernen Gesellschaft verwirklichen wollte. Aber Kierkegaard hatte recht in einem Fall. Sollte es Christentum sein, dann auch ordentlich; das „Entweder — oder‟ galt jedoch hier nur für die Priester der Kirche, die sich Christen nennen.

Weiter sah Kierkegaard nicht; und von ihm, der sein Buch 1843 schrieb und zum Geistlichen erzogen war, konnte man nicht verlangen, daß er schrieb: entweder ein solches Christentum oder keins. In diesem Fall hätte man wahrscheinlich keins gewählt. Jetzt setzte er sich dafür ein: ob du nun ästhetisch oder ethisch bist, du mußt dich doch dem Wahnwitz Christus in die Arme werfen. Das Falsche war, ethisch und ästhetisch einander gegenüber zu stellen, denn sie passen recht gut zusammen. Aber Johan brachte sie niemals zusammen, bis er nach endlosem Kampfe im Alter von 37 Jahren ein Kompromiß versuchte, als er fand, daß Arbeit und Pflicht auch ein Genuß sind; und das Vergnügen selbst, gut angewandt, eine Pflicht.

Jetzt, 1870, ritt ihn das Buch wie ein Alp. Er wurde böse, als die Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte. Nein, es sei Dichtung, glaubte man.

Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.