Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.
Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie in die Ofenecke drängte.
Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten, Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist, der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und — sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf Florentiner von edler Geburt findet.
Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte, sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟ ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum Standpunkt des Feindes über und meinte, er werde sie doch nicht als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus beurteilt sehen.
— Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und — das letzte Wort! — weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe der Bildung zu gehören.
Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.
Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte, war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.
Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.
Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope, Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.
Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das wäre etwas!