Aber Johan lernte auch etwas fürs Leben.

Klara war eine Schule für Kinder besserer Leute, denn die Gemeinde war reich. Johan hatte Lederhosen und Schmierstiefel, die nach Tran und Wichse rochen. Man saß deshalb nicht gern neben ihm, wenn man eine Samtbluse anhatte.

Er beobachtete auch, daß die, welche arm gekleidet waren, mehr Schläge kriegten, als die, welche gut gekleidet waren; ja die hübschen Knaben gingen ganz frei aus. Hätte er damals Seelenkunde und die Lehre vom Schönen gelernt, hätte er diese Erscheinung verstanden; nun verstand er sie nicht.

Der Prüfungstag hinterließ eine schöne, unvergeßliche Erinnerung. Die alten schwarzen Zimmer waren frisch gescheuert; die Kinder hatten ihre Feiertagskleider an; der Rohrstock war fortgelegt; alle Hinrichtungen ausgesetzt. Es wär ein Tag des Jubels und Klanges, da man in diese Marterkammern eintreten konnte, ohne zu zittern. Die Rangordnung, die in der Klasse am Morgen vorgenommen wurde, bereitete einige Überraschungen; die Heruntergekommenen stellten Vergleiche und Betrachtungen an, die nicht immer schmeichelhaft für das Urteil der Lehrer ausfielen. Die Zeugnisse wurden für ziemlich summarisch gehalten; mußten es aber wohl sein. Doch die Ferien winkten: bald würde alles vergessen sein. Bei der Schlußfeier dankte der Erzbischof den Lehrern, aber die Schüler wurden getadelt und ermahnt. Doch machte die Anwesenheit der Eltern, besonders der Mütter, die kalten Zimmer warm. Ein unwillkürlicher Seufzer: warum kann es nicht immer so friedlich sein wie heute? entrang sich den Lippen der Kinder.

Zum Teil sind die Seufzer erhört worden; die Jugend sieht jetzt nicht mehr in der Schule eine Strafanstalt, wenn sie auch noch keinen rechten Sinn in dem vielen überflüssigen Lernen sehen kann.

STRINDBERGS VATER
Oskar Strindberg
1865
Aufnahme von Malmberg in Stockholm

Johan war kein Licht in der Schule, aber auch kein Taugenichts. Da er infolge seiner früheren Kenntnisse durch Erlaß in die Lehranstalt eingetreten war, als er das erforderliche Alter noch nicht erreicht hatte, war er immer der Jüngste. Als er aber nach der zweiten Klasse versetzt werden sollte, wurde er, trotzdem sein Zeugnis durchaus genügte, ein Jahr in der Klasse zurückgehalten, um zu reifen. Das war ein schwerer Rückschlag in seiner Entwicklung. Seine ungeduldige Laune litt darunter, daß er ein ganzes Jahr die alten Aufgaben noch einmal lernen mußte. Zwar hatte er viel freie Zeit, aber seine Lust zum Lernen ließ nach; auch fühlte er sich übergangen. Zu Hause war er der Jüngste, in der Schule auch, aber nur an Jahren, denn der Verstand war älter.

Der Vater schien seine Lust zum Lernen bemerkt zu haben und ihn zum Studenten machen zu wollen. Er nahm seine Aufgaben durch, denn er besaß Elementarbildung. Als aber einmal der Achtjährige mit seiner lateinischen Übersetzung kam und um Hilfe bat, mußte der Vater eingestehen, daß er nicht Latein könne. Das Kind fühlte die Überlegenheit, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vater sie auch anerkannte. Der ältere Bruder, der gleichzeitig mit Johan in der Klaraschule angefangen hatte, wurde schleunigst herausgenommen, weil Johan eines Tages dem Älteren die Aufgabe zeigte. Es war unverständig vom Lehrer, es soweit kommen zu lassen, und klug vom Vater, das Mißverhältnis zu berichtigen.

Die Mutter war stolz auf das Wissen des Sohnes und prahlte damit ihren Freundinnen gegenüber. In der Familie spukte oft das Wort Student. Bei dem Studentenkongreß zu Anfang der fünfziger Jahre war die Stadt von weißen Mützen überschwemmt.