3.
Fort von Hause.

Er steht auf dem Vorderdeck eines Dampfers, der mitten auf dem Inselmeer dahinfährt. Es ist während der Fahrt so viel zu sehen gewesen, daß er keine Langeweile empfunden hat. Jetzt aber ist es Nachmittag, der immer etwas Trauriges hat wie das erste Alter; die Schatten der Sonne fallen so neu und verändern alles, ohne wie die Nacht alles zu verbergen. Er beginnt etwas zu vermissen. Er hat ein Gefühl von Leere; er fühlt sich verlassen; glaubt etwas abgebrochen zu haben. Er will nach Hause; und die Verzweiflung, daß er das nicht sofort kann, erfaßt ihn so, daß er sich entsetzt und weint. Als die Brüder ihn fragen, warum er weine, antwortet er, er wolle nach Hause zu Mama. Sie lachen ihn aus. Jetzt aber taucht das Bild der Mutter auf. Ernst, milde, lächelnd erscheint sie ihm. Hört ihre letzten Worte beim Dampfer: Sei gehorsam und höflich gegen alle Menschen, achte auf deinen Anzug und vergiß nicht dein Abendgebet. Er denkt daran, wie ungehorsam er gegen sie gewesen ist, und er fragt sich, ob sie krank ist. Ihr Bild steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an mit den niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach der Mutter begleitete ihn durchs ganze Leben. War er zu früh zur Welt gekommen? War er nicht ausgetragen worden? Was hielt ihn so mit der Mutter verbunden?

Darauf erhielt er nie eine Antwort, weder in den Büchern noch im Leben; aber die Tatsache blieb bestehen: er wurde nie er selbst, nie ein abgeschlossenes Individuum. Er blieb eine Mistel, die nicht wachsen konnte, ohne von einem Baum getragen zu werden; er wurde eine Kletterpflanze, die eine Stütze suchen mußte. Er war von Natur schwächlich und furchtsam; er übte sich in allen männlichen Sportarten, war ein guter Turner, ritt auf fliegendem Pferd, führte alle Arten Waffen, schwamm und segelte: aber nur, um nicht schlechter als die andern zu sein. Sah niemand zu, wenn er badete, kroch er ins Wasser; sah einer zu, warf er sich kopfüber vom Dach des Badehauses hinein. Er fühlte seine Bangigkeit und wollte sie verbergen. Er fiel niemals Kameraden an; wurde er aber angegriffen, schlug er zurück, auch wenn der Gegner stärker war. Er kam erschrocken zur Welt und lebte in einem beständigen Schreck vor Leben und Menschen.

Der Dampfer läßt die Inseln zurück, das Meer öffnet sich: eine blaue Fläche ohne Strand. Das neue Schauspiel, der frische Wind, die Munterkeit der Brüder heitert ihn auf. Er denkt daran, daß er bald achtzehn schwedische Meilen auf der See gefahren ist, als der Dampfer in die Bucht von Nyköping einfährt.

Als der Landungsteg gelegt ist, kommt ein Mann mittleren Alters mit hellem Backenbart auf den Dampfer, spricht mit dem Kapitän und nimmt die Knaben in Empfang. Er sieht freundlich aus und ist heiter. Es ist der Küster von Vidala.

Am Strande steht eine Droschke mit einer schwarzen Mähre. Bald sind sie in der Stadt und halten auf dem Hof des Kaufmanns, wo auch die Bauern einkehren. Es riecht nach Hering und Dünnbier auf dem Hofe, und das Warten wird unerträglich. Er fängt noch einmal an zu weinen. Endlich kommt Herr Lindén und bringt auf einem Bauernwagen das Gepäck. Nach vielen Händedrücken und kleinen Gläsern geht's aus der Stadt heraus. Es ist Abend, als man den Zoll passiert.

Brachfelder und Feldzäune öffnen eine weite, öde Fernsicht. Über roten Dörfern ist in der Ferne ein Waldrand zu sehen. Durch den Wald muß man hindurch, und man hat drei Meilen zu fahren. Die Sonne geht unter und man fährt durch den dunkeln Wald. Herr Lindén plaudert und sucht den Mut der Knaben aufrechtzuerhalten. Er spricht von Spielkameraden, Badestellen, Erdbeerpflücken. Johan schläft ein. Erwacht bei einem Wirtshaus, in dem berauschte Bauern lärmen. Die Pferde werden ausgespannt und getränkt.

Die Fahrt geht weiter durch dunkle Wälder. Bei den Anhöhen muß man absteigen und gehen. Die Pferde rauchen und schnauben, die Bauern auf dem Gepäckwagen scherzen und trinken, der Küster plaudert mit ihnen und macht Witze. Und dann fährt man wieder und schläft ein. Erwacht wieder, steht auf und rastet. Noch mehr Wälder, in denen früher Räuber gehaust haben; schwarze Fichtenwälder unter dem Sternenhimmel, Hütten und Zauntüren. Der Junge ist ganz verwirrt und nähert sich dem Unbekannten mit Beben.