5.
Mit der Oberklasse.

Die Privatlehranstalt war als eine Opposition gegen die Schreckensregierung der öffentlichen Schulen entstanden. Da ihre Existenz vom guten Willen der Schüler abhing, hatte man ihnen große Freiheiten erlaubt und einen äußerst humanen Geist eingeführt. Körperstrafe war verboten; die Schüler waren gewohnt, sich äußern zu dürfen, Einspruch zu erheben, sich gegen Anklagen zu verteidigen; mit einem Wort, sie wurden wie denkende Wesen behandelt.

Hier erst erfuhr Johan, daß er menschliche Rechte hatte. Wenn sich der Lehrer in einer Tatsache geirrt, konnte er sich nicht auf seine Autorität berufen; er wurde von der Klasse berichtigt und unkörperlich gelyncht, indem sie ihm seinen Irrtum nachwies. Auch waren vernünftige Methoden in den Unterricht eingeführt. Wenig Aufgaben. Fortlaufende Übersetzungen gaben den Schülern einen Begriff, was der Unterricht in Sprachen für einen Sinn hat: nämlich übersetzen zu können. Auch waren Ausländer für die lebenden Sprachen angestellt; das Ohr gewöhnte sich an den richtigen Akzent; man lernte, wie eine Sprache gesprochen wird.

Eine Menge Jünglinge waren aus den Staatsschulen in diese Privatlehranstalt geflohen; Johan traf hier viele Kameraden aus Klara wieder. Aber er fand auch Lehrer wieder sowohl aus Klara wie aus Jakob. Diese machten hier ein ganz anderes Gesicht und nahmen eine ganz andere Art an. Johan verstand jetzt, daß sie in gleicher Verdammnis gewesen waren wie ihre Opfer, denn sie hatten Direktor und Schulrat über sich gehabt.

Endlich schien sich also der Druck von oben zu verringern, sein Wille und seine Gedanken Freiheit zu bekommen; er hatte ein Gefühl von Glück und Wohlbefinden. Zu Hause lobte er die Schule, dankte den Eltern für die Befreiung; erklärte, es gefiele ihm nirgends so gut wie in der Schule. Er vergaß alte Ungerechtigkeiten, wurde weicher in seinem Wesen und freimütiger. Die Mutter begann sein Wissen zu bewundern. Außer der Muttersprache lernte er fünf Sprachen; nur ein Jahr hatte er noch bis zum eigentlichen Gymnasium. Der älteste Bruder war schon in Stellung auf einem Kontor, der zweite Bruder war in Paris. Johan war jetzt im Elternhaus gleichsam eine Altersstufe aufgerückt und schloß persönliche Bekanntschaft mit der Mutter. Er erzählte ihr aus seinen Büchern von Natur und Geschichte; und sie, die sich nie Kenntnisse hatte erwerben können, lauschte mit Andacht.

Wenn die Mutter aber eine ganze Weile zugehört hatte, holte sie das einzige Wissen hervor, das den Menschen glücklich machen könne; ob sie sich nun erheben wollte oder wirklich die weltliche Weisheit fürchtete. Sie sprach von Christus. Johan kannte die Rede wohl wieder, aber die Mutter verstand es, sie an ihn persönlich zu richten. Er müsse sich vor geistigem Hochmut hüten und immer einfältig bleiben. Der Knabe verstand das Wort einfältig nicht, und die Rede über Jesus glich nicht den Worten der Bibel. Es war etwas Ungesundes in ihrer Anschauung; er glaubte des Ungebildeten Widerwillen gegen Bildung zu bemerken. Warum denn dieser lange Schulkursus, fragte er sich, wenn er doch für nichts gilt im Vergleich mit diesen dunkeln zusammenhanglosen Lehren von Jesu kostbarem Blut? Er wußte auch, daß die Mutter diese Sprache aus Gesprächen mit Ammen, Nähmädchen, alten Frauen nahm, die zu den Herrnhutern gingen. Sonderbar, daß diese gerade die höchste Weisheit gepachtet haben sollten, von der weder der Geistliche in der Kirche noch der Lehrer in der Schule eine Ahnung hatte. Er fand, diese Demütigen waren geistig recht hochmütig; und der Weg zur Weisheit durch Jesus war ihm ein erfundener Richtweg.

Dazu kam, daß zu seinen Schulkameraden jetzt Grafen und Barone gehörten; und wenn man Namen auf -helm und -schwert in seinen Geschichten aus der Schule hörte, warnte man ihn vor Hochmut. War er hochmütig? Wahrscheinlich! In der Schule suchte er niemals die Vornehmen auf. Er sah sie lieber als die Bürgerlichen: sie sprachen seinen Schönheitssinn an durch ihre guten Kleider, feinen Gesichter, leuchtenden Brillantnadeln. Er fühlte, daß sie eine andere Rasse waren, eine Stellung besaßen, die er nie erreichen konnte; nach der er nicht einmal strebte, denn er wagte nicht, vom Leben etwas zu verlangen. Als aber eines Tages ein Baron ihn um Hilfe bei einer Aufgabe bat, fühlte er sich mindestens ebenso gut wie dieser, ja in einem Falle über ihm. Damit hatte er entdeckt, daß es etwas gab, was ihn den Höchsten der Gesellschaft ebenbürtig machen konnte: Kenntnisse! Die konnte er sich verschaffen!

An dieser Lehranstalt herrschte gerade infolge ihres liberalen Geistes eine Demokratie, die er nicht in Klara gefunden hatte: Grafen und Barone, die meist faul waren, hatten kein Vorrecht vor den andern. Der Direktor, selbst ein Bauernjunge aus Småland, hatte nicht die geringste Ehrfurcht vor hoher Geburt; ebensowenig wie er ein Vorurteil gegen die Adeligen hegte, die er keineswegs ducken wollte. Er duzte alle, Kleine wie Große; war gegen alle gleich vertraulich, studierte jeden einzelnen, rief ihn beim Vornamen, hatte ein Herz für die Jugend.

Durch den täglichen Verkehr zwischen bürgerlichen und adeligen Kindern wurde der Respekt aufgehoben. Kriecher gab es nur in den höhern Klassen des eigentlichen Gymnasiums. Da kamen einige junge Edelleute mit Reitgerte und Sporen in die Klasse, während ein Gardist unten das Pferd hielt. Diese Jünglinge wurden von den Klugen aufgesucht, die schon einen Einblick in die Kunst des Lebens getan hatten. Weiter als bis zum Café oder einem Besuch in der Wohnung reichte dieser Weg jedoch nicht.