Er stellte auch Jönköpinger Streichhölzer nach dem Rezept der Technologie her. Deshalb war er sehr erstaunt, daß die Jönköpinger Streichhölzer später ein Patent erhielten; übrigens waren die bereits im Handel gewesen als Björneborger Wachsstreichhölzer.
Dann ließ er die Chemie wieder für einige Zeit liegen.
Vaters Bücherschrank enthielt eine kleine Sammlung, die jetzt zu Johans Verfügung stand. Da waren, außer den oben erwähnten chemischen und physikalischen Arbeiten: Gartenbücher, eine illustrierte Naturgeschichte, Meyers Universum, Handbuch für Mütter nebst Entbindungskunst, eine deutsche Anatomie mit Figuren, eine deutsche Geschichte Napoleons mit Stahlstichen, Wallins, Franzéns und Tegnérs Gedichte, Wallins Predigten, Blumauers Aeneis, Don Quichotte, Frau Carléns und Fredrika Bremers Romane, Deutsche Klassiker...
Außer den Indianerbüchern und Tausendundeiner Nacht hatte Johan noch keine Dichtungen gelesen. Er hatte in Romane hineingeblickt, sie aber langweilig gefunden, besonders weil sie keine Illustrationen hatten. Als jetzt aber die Chemie und alle andern Wirklichkeiten der Natur durchforscht waren, stattete er eines Tages dem Bücherschrank einen Besuch ab. Er blickte in die Gedichte hinein. Da fühlte er sich in der Luft schweben und wußte nicht, wo er zu Hause war. Er verstand sie nicht. Dann bekam er Fredrika Bremers „Schilderungen aus dem Alltagsleben‟ in die Hand. Daraus schlug ihm Familienklatsch und Tantenmoral entgegen, und er stellte sie zurück. Dann las er den „Jungfrauenturm‟. Das waren Erzählungen und Abenteuer. Die unglückliche Liebe rührte ihn. Aber wichtiger als alles war, daß er sich unter diesen erwachsenen Menschen erwachsen fühlte. Er verstand, was sie sprachen; er merkte, daß er kein Kind mehr war. Diese Erwachsenen waren ja seinesgleichen. Er war unglücklich verliebt gewesen, hatte gelitten, gekämpft, war aber im Gefängnis der Kindheit zurückgehalten worden. Und jetzt kam es ihm ganz zum Bewußtsein, daß seine Seele im Gefängnis lag. Sie war längst flügge gewesen, aber man hatte ihre Schwingen beschnitten und sie ins Bauer gesetzt.
Er suchte den Vater auf, um mit ihm zu sprechen wie mit einem Gleichaltrigen, aber der Vater verschloß sich und brütete auf seiner Trauer.
Im Herbst wurde Johan von neuem zurückgesetzt und aufgehalten. Er war reif für das eigentliche Gymnasium, wurde aber in der Schule zurückgehalten, weil er zu jung sei und reifen solle. Er raste. Zum zweiten Male riß man ihn am Rock zurück, als er laufen wollte. Er fühlte sich wie ein Omnibuspferd, das unaufhörlich anzieht und unaufhörlich zurückgehalten wird.
Das riß sein Nervenleben entzwei, erschlaffte seine Willenskraft, legte den Grund zu seiner künftigen Mutlosigkeit. Er wagte nie etwas recht lebhaft zu wünschen, denn er hatte oft gesehen, wie seine Wünsche vereitelt wurden. Er wollte sich der Arbeit hingeben, aber Arbeit half ja nicht: er war zu jung. Nein, die Schule war zu lang! Die zeigte das Ziel in der Ferne, setzte aber dem Läufer Schlagbäume. Er hatte ausgerechnet, daß er mit fünfzehn Jahren Student werden könne. Er wurde es erst mit achtzehn. Und in den letzten Jahren, als er den Ausgang aus dem Gefängnis so nahe sah, wurde ihm noch ein weiteres Strafjahr auferlegt, da die höchste Klasse zweijährig gemacht wurde.
Kindheit und Jugend waren für ihn recht qualvoll; er war des ganzen Lebens müde und suchte jetzt den Trost im Himmel.