6.
Die Schule des Kreuzes.

Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selbst aufzuzehren. Sie stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist, wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.

Eine zwanzigjährige Ehe war aufgelöst. Ein Kamerad im Kampfe gegen die Widrigkeiten des Lebens war gefallen; eine Gattin, an deren Seite ein Mann gelebt hatte, war dahingegangen und ließ einen Cölibatär zurück. Die Leiterin des Hauses hatte ihren Posten aufgegeben: alles geriet in Unordnung. Die kleinen schwarz gekleideten Kinder, die überall, in den Zimmern, im Garten, dunkle Flecken bildeten, hielten die Trauer am Leben. Der Vater glaubte, sie seien verlassen und schutzlos. Er kam von seiner Arbeit oft schon nachmittags heim und saß dann allein in der Lindenlaube an der Straße. Er hatte die älteste Tochter, die sieben Jahre alt war, auf dem Schoß, und die andern spielten zu seinen Füßen. Oft sah Johan den grauhaarigen Mann mit den hübschen traurigen Zügen dort in dem grünen Halblicht der Laube sitzen. Er konnte ihn nicht trösten und er suchte ihn nicht mehr auf. Er sah, daß der Vater weich sein konnte, was er nicht geglaubt hatte; sah, wie er die Tochter anstarrte, als suche er in den unbestimmten Gesichtslinien des Kindes die Züge der Toten. Dieses Bild sah er oft von seinem Fenster aus, zwischen den Stämmen der Bäume, in der langen Perspektive der Allee. Es machte ihn warm und erschütterte ihn; ihm wurde bange um den Vater, weil dieser nicht mehr derselbe war wie früher.

Sechs Monate waren vergangen, als der Vater eines Herbstabends mit einem fremden Herrn nach Hause kam. Es war ein alter Mann, der außerordentlich gemütlich aussah. Er scherzte gutmütig, war freundlich und artig gegen Kinder und Dienstboten; er hatte eine unwiderstehliche Art, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Er wurde Rendant genannt, war ein Jugendfreund von Johans Vater; man hatte entdeckt, daß er im Hause nebenan wohnte. Die Alten sprachen von den Erinnerungen an ihre Kindheit. Da war ein Vorrat, der den leeren Raum füllen konnte. Zum ersten Male erweichten sich die erstarrten Züge des Vaters, wenn er von dem geistreichen und lustigen Mann zum Lächeln verlockt wurde. In einer Woche lachte er, und mit ihm die ganze Familie, wie nur die lachen können, die lange geweint haben. Der Rendant war ein Spaßmacher ersten Ranges; dazu spielte er Geige, Gitarre und sang Bellman. Neue Luft kam ins Haus, neue Anschauungen in die Menschen, die Trugbilder der Trauer verdunsteten. Der Rendant hatte auch Trauer gehabt: er hatte seine Braut verloren und war dann Junggeselle geblieben. Das Leben hatte ihm nicht gelächelt, aber er hatte die Sache mit dem Leben nie recht ernst genommen.

Dann kam Gustav heim von Paris; in Uniform, mengte französische Worte unter schwedische; war eine lebhafte Natur, hatte schnelle Gebärden. Der Vater empfing ihn mit einem Kuß auf die Stirn, und eine Wolke von Trauer zog vorbei, denn der Sohn war bei Mutters Tod nicht zu Hause gewesen. Dann aber wurde es wieder klar, und Leben kam ins Haus. Gustav trat ins Geschäft ein; jetzt hatte der Alte einen, mit dem er von dem sprechen konnte, was ihn interessierte.

An einem Abend spät im Herbst nach dem Essen, als der Rendant da war und alle zusammensaßen, stand der Vater auf und bat ums Wort. — Meine Kinder und mein Jugendfreund, begann er. Dann verkündete er seine Absicht, seinen kleinen Kindern eine neue Mutter zu schenken. Er fügte hinzu, daß die Zeit der Leidenschaften für ihn vorbei sei, und daß nur das Interesse für die Kinder ihn zu dem Entschluß bestimmt habe, Fräulein X. zu seiner Ehefrau zu machen.

Es war das Hausfräulein.