Interviewer. Das habe ich mir gedacht!
Autor. Zola selbst hat in seinem letzten Roman „L'Oeuvre‟ gewittert, daß seine Methode weiter entwickelt werden muß. Er findet seine Bücher trotz aller Wahrheitsliebe „lügnerisch‟. Ja, in welchem Verhältnis der Impressionist Manet, den er in diesem Buche schildert, zur Familie Rougon-Macquart steht, begreife ich nicht, und die Erblichkeit ist schließlich ganz verschwunden. Außerdem geht Manets Tätigkeit über das zweite Kaisertum hinaus. Ich halte Zola noch immer für den Meister im heutigen Europa, glaube aber, daß er zuweilen den Einfluß des Milieus überschätzt hat. Wenn eine Frau in einer Orangerie verführt wird, braucht man die Verführung nicht mit allen Topfpflanzen in Verbindung zu bringen, die dort vorhanden sind, und sie aufzuzählen. Von anderer Bedeutung werden dagegen die Möbel in einem Elternhause, weil sie die allgemeine wirtschaftliche Lage der Familie angeben; und die Bücher des väterlichen Bücherschrankes sind nicht gleichgültig für die erste Entwicklung eines literarisch veranlagten Sohnes. Ferner glaube ich, daß die ausführliche Schilderung eines Menschenlebens wahrer wird und mehr aufklärt als die einer ganzen Familie. Wie soll man wissen, was in einem anderen Gehirn vorgeht; wie soll man die verwickelten Motive wissen, welche die Handlung eines anderen veranlassen; wie soll man wissen, was die und die in einer vertraulichen Stunde sagten? Man konstruiert! Aber bisher ist die Homologie, die Wissenschaft vom Menschen, wenig von den Dichtern gepflegt worden: mit dürftigen Kenntnissen in der Psychologie haben sie sich erdreistet, das so tief verborgene Seelenleben zu schildern. Man kennt nicht mehr als ein Leben, sein eigenes. Wenn man sein eigenes Leben schildert, hat man den Vorteil, daß man mit einem sympathischen Menschen zu tun hat, nicht wahr, und da sucht man zu den Handlungen immer Motive. Gut! Das Suchen nach den Motiven, das war der Zweck dieses Buches.
Interviewer. Aber die Motive zu den Handlungen der anderen?
Autor. Die kennt man selten. Entweder läßt man sich zu übertriebener Milde verlocken, aus Furcht, ungerecht zu werden, oder man wird hart aus Antipathie, Selbstverteidigung und so weiter. Sehen Sie nun genau nach, ob ich versucht habe, gerecht zu sein. Daß ich es nicht ganz habe sein können, weiß ich, und das tut mir leid, aber bedenken Sie auch, daß die Nebenpersonen zuletzt so geschildert werden, wie sie in ihrem Verhältnis zu — dem, der über sie schreibt, aufgefaßt wurden. Sehen Sie doch, wie ich den Vater in seinen vielen Beziehungen schildere: zum Sohne, zur Mutter, zur Stiefmutter, zu Schwestern, Buchhaltern, Kunden, Dienstboten, Vorgesetzten usw. Der Stiefmutter gebe ich recht als Gattin; ich bin ihr nur abgeneigt, weil sie Stiefmutter ist; führe also ihr Motiv an: ihre schiefe Stellung; und ich schlage sogar, damit es nicht erst zu einer solch schiefen Stellung kommt, als Heilmittel vor, daß die Kinder aus dem Hause geschickt werden. Ich stehe also schließlich auf ihrer Seite!
Interviewer. Das soll also die Literatur der Zukunft sein? Hm! Die ist aber weder schön noch heiter.
Autor. Nein, das ist sie nicht, aber sie ist bestimmt nützlich. Ich erinnere mich, daß ich als junger Literat, als ich bereits die Mängel der konstruierten Literatur eingesehen hatte, mit dreiviertel Ernst den Plan zu einer wirklichen Literatur der Zukunft entwarf, die Dokumente über die Geschichte der Seele liefern sollte. Diese Literatur sollte aus der Selbstbiographie eines jeden Bürgers bestehen, die, bei gewissem Alter, anonym, ohne daß Namen im Text genannt werden, dem Archiv der Gemeinde eingereicht wird. Das würden Dokumente sein, nicht wahr? Haben Sie Pitaval und Feuerbach gelesen, über das Leben berühmter Verbrecher? Dort ist Psychologie zu finden. Schade, daß es nur die von sogenannten Verbrechern ist.
Interviewer. Dann glauben Sie, daß die Romanliteratur aussterben wird?
Autor. Gewiß! Töten will ich sie nicht, aber ich weiß, daß sie im Sterben liegt. Zola hat den letzten Kompromiß mit ihr geschlossen und scheint sie jetzt durchschaut zu haben. „L'Oeuvre‟ war kein Roman für mich, da ich Emile Zola hinter Sandor und Edouard Manet hinter Claude Lantier sah und eben das Gemälde „Plein air‟ in Paris gesehen hatte. Man liest indessen, und das ist das Symptom, am liebsten Zola, denn man ist überzeugt, daß es wahr ist. Warum soll es denn arrangiert werden? Die Gerichtsreferate der Zeitungen sind doch zuverlässiger, und wie werden die verschlungen! Die Unterklasse, die zuweilen gesunden Menschenverstand hat, hält sich am liebsten an die volle Wirklichkeit und liest darum nur die Zeitung — oder Abenteuer. Jemand aus der Unterklasse, der „Germinal ‟ liest, wird sich sicher fragen: Wie weiß der Autor, was Etienne und seine Geliebte sprachen, als sie in der Grube eingeschlossen waren? Ja, wie? Noch schlimmer ist, wenn die letzten Worte des Selbstmörders erzählt werden, ohne daß Zeugen dabei gewesen sind. Wieviel Konventionelles ist nicht im Roman! Die Liebeserklärung zum Beispiel. Ich habe mindestens fünfundzwanzig von meinen verheirateten Bekannten gefragt, wie sie gefreit haben, und sie haben erklärt, die Worte „Ich liebe dich‟ seien nie über ihre Lippen gekommen. — Wollen Sie noch etwas wissen?
Interviewer. Nein, danke, jetzt weiß ich genug!
Autor. Schreiben Sie denn etwas Gutes über mein Buch. Ich lese es doch nicht, denn ich habe meinen Kopf für mich. Ich bin, der ich geworden bin. Wie ich es geworden bin, das steht in meinem Buche!