Mai 1886. August Strindberg.


VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE[1]
1909.

Dies ist die Geschichte eines 60jährigen Menschenschicksals. Die ersten Teile sind im Alter von 40 Jahren verfaßt worden, und zwar vor dem Tode, wie ich glaubte, denn ich war müde, sah keinen Zweck mehr im Dasein, hielt mich für überflüssig, verworfen. Ich lebte damals nämlich in der trostlosen Weltanschauung, die ein halb gottloser Mensch besitzt, wollte aber doch Bücherabschluß machen und die Lage überschauen, mich vielleicht von falschen Beschuldigungen befreien. Im Laufe der Arbeit entdeckte ich jedoch einen gewissen Plan und eine Absicht in meinem bunten Leben, und ich fand die Lust zu leben wieder, getrieben meist aus Neugier, wie es weitergehen und welches Ende ein solches Leben nehmen würde.

Ich lebte im fremden Lande, vergessen und vergessend, ganz vertieft in die Naturwissenschaften, nachdem ich das Dichten aufgegeben, als ich mit dem Jahre 1896 in eine Epoche trat, die ich „Inferno‟ genannt habe; unter diesem Titel erschien jenes Buch 1897, das ein Wendepunkt in meinem Leben wurde. Die „Legenden‟ setzten 1898 die Schilderungen fort von der Verwüstung, die meine Person durchmachte; nach welcher Prozedur die heftige Produktion entsprang, die dann begann und sich in Dramen, Gedichten, Romanen, fast ohne Zahl, ergoß.

Viele Dichtertypen treffen wir hier, aber jeder ist ein echter Ausdruck seiner Zeitepoche, mit ihren Bewegungen, Gegenbewegungen, Irrtümern. Jetzt zu streichen oder ändern, was ich mißbillige und verabscheue, hieße ja den Text fälschen, darum werden die Urkunden fast genau so herausgegeben, wie sie entstanden sind. Ich habe mich wohl gefragt, ob es recht ist, diese Brandpfeile wieder loszulassen, aber nach reifer Überlegung habe ich gefunden, daß die Handlung mindestens indifferent ist. Ein Mensch mit festen Begriffen in der Moral und mit klarer Vorstellung von den höchsten Dingen läßt sich nicht von Sophismen verführen, und wer in Auflösung steht, findet kaum eine Stütze in diesen Deduktionen, die bereits widerlegt sind.

Ob der Dichter wirklich, wie er zuweilen glaubte, mit Standpunkten experimentiert oder sich in verschiedenen Persönlichkeiten verkörpert, sich polymerisiert hat, oder ob eine gnädige Vorsehung mit dem Dichter experimentierte, mag für den aufgeklärten Leser aus den Texten hervorgehen. Denn die Bücher sind sehr aufrichtig niedergeschrieben, natürlich nicht ganz, denn das ist unmöglich. Hier werden Bekenntnisse abgelegt, die niemand verlangt hat, und Schuld gestanden, die vielleicht nicht so gefährlich war, da der Verfasser sogar seine stillen Gedanken straft.

Ziemlich wahrhaftig sind auch die Beziehungen, können aber nicht ganz exakt sein. Wenn ich z. B. mit 60 Jahren durchlese, was ich mit 40 schrieb, kommt mir manches unbekannt vor, als sei es nicht passiert. Ich habe also gewisse Einzelheiten aus der Kindheit während der letzten 20 Jahre vergessen, aber ich bin beinahe sicher, daß ich mich mit 40 Jahren ihrer erinnerte. Und eine Geschichte kann auf viele Arten erzählt, von verschiedenen Seiten beleuchtet, gefärbt und entfärbt werden. Hat der Leser also hier eine Geschichte gefunden, die auf andere Art erzählt ist als in einer meiner späteren Schriften, wo sie wiederholt wird, so mag er sich erinnern, was ich hier gesagt habe.

Dies ist die Analyse von meinem langen abwechslungsreichen Leben, die Ingredienzen zu meiner Dichtung, das Rohmaterial. Wer das Resultat sehen will, der nehme und lese das „Blaubuch‟: das ist die Synthese meines Lebens!