Der Vater sah an den flackernden Blicken, daß der Sohn log, und begriff den ganzen Zusammenhang; aber jetzt vom eigenen Elend in das anderer untertauchen wollte er nicht.
»So laß uns einen Grog trinken und den Abend verplaudern,« schlug er vor.
»Wenn ich etwas im Hause hätte,« lautete die tonlose Antwort, die zur Beendigung der Unterhaltung aufforderte.
Der Vater verließ das Zimmer, mehr erstaunt über die Entdeckungen, die er gemacht hatte, als traurig; er war keine gefühlvolle Natur, hatte früh seine Ansprüche an die Menschen herabgeschraubt und liebte Abrechnungen und Erklärungen nicht. Als er in das Fremdenzimmer kam, das man zu heizen vergessen hatte, wurde er von einem solchen Frösteln befallen, daß er in Kleidern zu Bett ging; denn er wollte keinen Lärm im Hause machen. In der Karaffe war kein Wasser, ein Lichtstumpf verhieß nur für eine Stunde Licht, und das leere Fenster ohne Rouleau fraß das meiste von dem Lichtschein auf; die grauen Speisekammertapeten sahen wie die ewige Langeweile und Eintönigkeit aus, die spärlichen Möbel sprachen von Armut und Ruin.
Er war so überwältigt von den aufregenden Erlebnissen des Tages, daß er sofort in einen todesähnlichen Schlaf fiel.
Als er aufwachte, dachte er, es sei Morgen; doch im selben Augenblick schlug die Eßzimmeruhr, und er zählte elf Schläge. Elf! Er hatte sich um neun Uhr hingelegt, und nun sah er die lange schlaflose Nacht vor sich, denn er war vollkommen munter.
Und jetzt auf einmal stand seine ganze Lage klar vor ihm. Ein Mann in seiner Stellung, in seinem Alter, aus seinem Heim vertrieben, von seinem Posten abgesetzt; ohne Mittag gegessen zu haben, wie ein Landstreicher, hungrig und frierend, ein unwillkommenes Anhängsel, das man weit weg wünschte … Die ganze Erniedrigung des Auftritts zu Hause, da er vor seinen Kindern bloßgestellt wurde, das Grauen vor dem, was seiner wartete … vor Prozessen und Skandalen.
Er lag da und blickte auf den Lichtstumpf, wußte, wenn er zu Ende war, würde die Dunkelheit kommen. Da er nicht zu den Leuten gehörte, die den Menschen Mühe machen mögen, fiel es ihm nicht einen Augenblick ein, einen Dienstboten zu wecken, um sich Licht, Feuer und Wasser zu verschaffen. Gelähmt von dem Schicksalsschlage wagte er sich nicht einmal zu rühren, sondern lag da wie festgenagelt, frierend, als seien alle Säfte des Körpers tatsächlich erstarrt.
Immerfort betrachtete er das Abnehmen des Lichts und hatte jetzt das Gefühl, als hinge sein Leben davon ab, werde erlöschen, wenn das Licht erlosch. Er wurde durstig vor Hunger und fror vor Hunger, aber Kummer und Sehnsucht, Scham und Zorn mischten sich hinein und klangen zu einem Akkord von Qual zusammen. Alle Bitterkeit des Lebens zugleich erstand in ihm, ohne die Möglichkeit, Trost in Klagen zu finden, denn er war zu aufgeklärt, um über undankbare Kinder oder eine treulose Gattin zu jammern. Er hatte das Leben mit harten Handschuhen angegriffen und war nicht an Verzärtelung gewöhnt, dies aber überstieg seine Kräfte; und als der Lichtrest zischend in die Tülle sank, sprang er auf, um sich gegen die Finsternis zu schützen. Er ging leise in den Eßsaal hinüber und nahm sich Streichhölzer mit; und als er anzündete, sah er, daß die Uhr erst fünf Minuten über elf war. Er zog die Hängelampe herunter und steckte sie an; ging an das Büfett und fand etwas abgestandenes Wasser in einer gelb gewordenen Karaffe; auf dem Büfett lagen die Fahrhandschuhe des Sohnes aus grauer Kastorwolle; der eine Handschuh lag mit geballten Fingern da wie eine harte, drohende Faust, der andere lag auf dem Rücken, die Handfläche ausgestreckt, als bitte ein Bettler um ein Almosen; beide grob, mit Anschwellungen an den Gelenken, wie abgehauen, liegen geblieben, innen noch mit Menschenfett getränkt.