Er öffnete die Büfettür; als er sich bückte, schien sein großer, schwarzer Schatten mit hineinzukriechen. Ein hartes Stück Brot war das einzige, was er fand; aus der Menage nahm er gelben Senf und strich ihn aufs Brot, dazu etwas Salz; aber als er es zum Munde führte, roch es nach Petroleum, weil er die Lampe angefaßt hatte, und er legte das Brot auf ein Brett, dessen gemustertes Papier an die Streifen erinnerte, die kleine Kinder um den Hals tragen. Da dachte er: wenn man das Brot mit dem Senf darauf findet, könnte eins von den Kindern morgen Schläge bekommen, weil es unschuldig dieser Untat beschuldigt wird. Er nahm das Brot in die eine Hand und die Lampe in die andere, blieb aber unentschlossen mitten im Zimmer stehen, da er nicht wußte, wo er den lästigen Zeugen seiner seltsamen nächtlichen Expedition verstecken sollte. Wenn ich es in den Ofen lege, wird es morgen früh vom Mädchen gefunden werden; sie bringt es sofort zur Hausfrau und beschuldigt natürlich die Kinder oder das Kind, das sie am wenigsten mag, und dann gibt es Prügel, zunächst wegen des Vergehens, dann wegen des Leugnens. Das habe ich selbst erlebt. Es mußte aber entfernt werden, und er machte schließlich ausfindig, daß die einzige Möglichkeit sei, es in Papier zu wickeln, in die Tasche zu stecken und den morgigen Tag abzuwarten. Er ging nun an den Zeitungsständer, um sich das nötige Papier zu holen, und sein Riesenschatten erhob sich vom Fußboden, kroch die Wand hinauf und nahm die runde Wanduhr auf die Schultern, wo sie wie ein Kopf sitzen blieb, in dem die beiden Löcher zum Aufziehen die Augen bildeten und der Name des Uhrmachers den Mund. Als er vor dem Zeitungsständer stand, besann er sich, denn, dachte er, wenn eine Zeitungsnummer vermißt wird, können die Mädchen unschuldig Schelte bekommen. Es war ein schwieriger Fall. »Ich nehme die Annoncenbeilage,« sagte er, zögerte aber wieder, denn »auf dem Lande liest man die Annoncen, und habe ich Pech … und das habe ich seit einiger Zeit, ohne zu wissen, warum …« Er hatte aber doch ein Blatt ergriffen, und als er es entfaltete, knisterte es und machte solchen Lärm, daß er Angst bekam. Auf der ersten Seite des Blattes stand eine Riesenannonce: Frische Austern. Austern, gerade jetzt, im Metropol, um halb zwölf, bevor zugemacht wurde, das wäre etwas! Er näherte sich dem Fenster und wollte das Stück Brot durch die Lüftungsklappe werfen, aber kein Tier würde den Senf fressen, und es wäre wieder dieselbe Geschichte.
Jetzt stand er am Fenster; und als er in die Nacht hinausblickte, sah er in dem rechten, vorspringenden Flügel Licht; er stieg auf einen Stuhl, nachdem er die Lampe unter dem Klavier versteckt hatte, und jetzt konnte er sehen … In der guten Stube saß das Ehepaar am Kaminfeuer; der Mann bei einem Grog und einer Zigarre, munter plaudernd. Ein kleiner Tisch stand hinter ihnen, gedeckt und mit den Resten eines netten Soupers; die leuchtend rote Schale eines Hummers stach in die Augen, daß es weh tat …
Gustav Borg hatte nie Mitleid mit König Lear gehabt; hatte gefunden, er liege, wie er sich gebettet habe, da er als Schwiegervater sich bei Neuvermählten niederließ und eine Garnison von hundert Mann mitbrachte. Er hatte auch Vater Goriot gut bezahlt gefunden durch die Zärtlichkeit, die er seinen Kindern schenken durfte, denn nicht alle Kinder nehmen Zärtlichkeit an. Trotz all dem fühlte er einen Stich im Herzen, stieg vom Stuhl herunter und ging mit seiner Lampe in das anstoßende Zimmer, das das Kontor war. Da stand eine Rasiertoilette, und als wisse er, was er suche, zog er die Schublade auf, nahm das Rasiermesser heraus und den Streichriemen und begann es abzuziehen.
»Das beste ist, Schluß zu machen! das beste ist, Schluß zu machen!«
Aber dann besann er sich; erst mußte das Brot weg, zuerst; unbedingt. Er warf es oben auf den Ofen, und im gleichen Augenblick fühlte er sich befreit, erlöst von etwas.
Und dann nahm er das Fell, das unter dem Schreibtisch lag, und legte es über sich, als er auf das Ledersofa niedersank.
Seine letzten beiden Gedanken, ehe er einschlief, waren diese:
»Hier ist es jedenfalls warm und schön. Und: sie mögen ja Abendbrot und Kognak haben holen lassen, als ich mich schon zu Bett gelegt hatte. Vielleicht sind sie auch bei mir gewesen, um mich einzuladen, haben mich aber schlafend gefunden. Man verurteilt ja so oft Menschen zu Unrecht.«
Als Gustav Borg am nächsten Morgen aufwachte, hatte sein Körper durch die Ruhe die Kraft zu leiden wiedergewonnen; denn ein Geschwächter hat nur die Fähigkeit, sich stumpfer Gleichgültigkeit hinzugeben. Er sprang völlig wach vom Sofa auf und übersah die ganze Situation. Hier konnte er nicht bleiben, das war das erste; in der Stadt wollte er nicht wohnen, von Hause war er vertrieben, aber in diesem Kirchspiel mußte er sich des Prozesses wegen aufhalten. Ihm fiel ein Bauer ein, der ein Zimmer an Sommergäste zu vermieten pflegte. Zu diesem wollte er jetzt fahren; und da er am liebsten ohne Abschied abreiste, ging er in den Stall hinunter, um sich Pferd und Schlitten geben zu lassen.